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Yohei Yashima: Spuren des Wandels

Galerie LortzingART | Hannover | 3. bis 19 . Juli 2019

Bei Einführungen in das Werk eines Künstlers bieten sich meist drei Zugängen alternativ an: Man kann sich den Arbeiten kunsthistorisch nähern, d.h. die künstlerische Position versuchen in die Geschichte der Kunst einzubetten, Parallelen, Vorläufer, Absetzbewegung und Schulzuordnungen zu wählen; oder man kann sich biografisch nähern, was – gegenwärtig zu erleben in der Feuilletondiskussion um Emil Nolde, Neo Rau und rechte politische Positionen bei Vertretern der Leipziger Schule – immer problematisch ist, weil evtl. biografische Erkenntnis mit Kriterien künstlerischer Qualität verwechselt werden; ohne leugnen zu wollen, dass biografische Einflüsse bedeutsam sein können und die rein werkimmanente Analyse evtl. Erkenntnisgewinne verschenkt. Der Missbrauch des biografischen Argumentes bleibt allerdings eine Gefahr: Das Nitzsche wichtige Texte in einer medizinisch zu erklärenden hochproduktiven Phase seiner Syphilis-Erkrankung schrieb, wurde schnell von Gegner benutzt – auch um sich mit diesen als krank bezeichneten Texten nicht auseinandersetzen zu müssen. Biografie hilft zu verstehen, setzt aber keine Qualitätskriterien. Qualität bemisst sich in der bildenden Kunst, meiner Überzeugung nach, neben allen handwerklichen Maßstäben auch in ihrer transkulturellen Verständlichkeit und gesellschaftlichen, ästhetischen Relevanz. Diesen Kontext zu erläutern, eröffnet Wege zur künstlerischen Position und lässt ein Höchstmaß an eigenem Entdecken zu.

Puppen

In Yohei Yashimas Atelier stehen überall, fein arrangiert, Puppen: vierfach die winkende Queen, Putti, japanische Püppchen, Figuren. Und dieses Puppen finden sich auch häufig in seinen Arbeiten. Tatsächlich mag der 1985 in Shimane (Japan) geborene Künstler – Puppen. Aber, sie sind auch in der japanischen Gesellschaft und nicht nur bei Kindern sehr präsent: von Kinderspielzeug bis zur Kleidung, als Illustrationen bei Behörden wie im Geschäftsbereich. Die niedlichen Puppengesichter, denken Sie an die Katzen-Puppen-Gesichter von Hallo Kitty, haben einer in Japan weit verbreiteten Haltung einen Namen gegeben: kawaii. Kawaii steht für niedlich, gefällig, süß, liebenswert, kindlich. Selbst erwachsene japanische Frauen, beschreiben Soziologen und Kulturkritiker, wollen kawaii, irgendwie niedlich, sein.[i] Auch in Westeuropa haben Püppchen, Puppen etwas niedliches, verweisen aber entschiedener auf Kindheit. In der Umsetzung Yashimas Arbeiten verlieren die Puppen als Motiv die Unbeschwertheit, die Puppen in beiden Kulturkreisen anhaftet, sogar dann noch, wenn Yashima ihnen eine eigentlich lustig wirken müssende Pappnase verpasst, die aber auch einen agrressiven Charakter hat, wie sie hackt, angreift, verschlingt und getupft ist wie ein toxischer Pilz. Die Puppen ersetzen Personen, Menschen. Yashima verfremdet um zu entpersonalisieren. Denn die Bilder stehen auch in Bezug zu seiner Biografie – aber sie haben eine über seine Person und sein Lebensumfeld hinausgehenden Anspruch. Was auffällt, dass die Puppen alleine sind. Sie stehen allein da, lehnen wie weggelegt oder Stütze suchend an der Wand, sind mit der spitzen Pappnase in den Boden gerammt, werden von einer Hand ausgebremst. Und selbst die kleine Jungenpuppenfigur, die mit dem Kopf an der Wand lehnt, im Schatten eines darüber gestellten Polaroids, wird ambivalent als einerseits geschützt vor der Sonne im Schatten stehend wahrgenommen, wie auch andererseits als bedroht vom Foto und seinem Motiv. Im Deutschen gibt es den schönen Ausdruck, dass ein (traumatisches) Ereignis jemanden und sein Erleben überschattet, oder jemand im Schatten von etwas oder jemandem steht, also nicht eigenständig und in seiner umfassenden Persönlichkeit und seinem Vermögen von anderen wahrgenommen wird. Verloren. Fremd.

Verzweifelt. Schutzbedürftig. So wirkt auf diesem Bild die kleine Puppe. Im Atelier bewahrt Yashima das Foto auf, dass er hier über die Figur gelehnt hat. Es zeigt den kleinen Yohei, der im Grundschulalter in die Klinik für eine Operation am Ohr musste im Kreis anderer Kinderpatienten. Er hat sich dort unwohl, fremd und einsam gefühlt. Gefühle, die ihn auch später häufig belegt und beschäftigt haben. „Mich interessiert wie Sorgen und Leiden Menschen bewegen und prägen.“[ii], benennt der Künstler selbst eine Motivation seines künstlerischen Schaffens. Yohei Yashima hat in Kyoto an der Saga University of Arts und an der Hiroshima City University Bildende Kunst studiert. Eine Zeitlang hat er in Japan mit Behinderten gearbeitet, Kindern wie Erwachsenem, körperlich wie geistig Behinderten. Und er erlebte, wie isoliert sie von der Gesellschaft blieben und wie sie auf Distanz gehalten wurden. Wie sie – auch als Erwachsene – von oben herab angeschaut wurden, infantilisiert. In seinen eigenen dunklen Phasen hat er farblich dunkle Selbstportraits gemalt, die von Betrachtern als zu dunkel, zu abweisend, wenig zugänglich erlebt wurden. Die scheinbare Verniedlichung, die Verfremdung über Puppen führt nun zu einem auf den ersten Blick leichteren Zugang. Im zweiten schaudert einen bei der Verlorenheit und Bedürftigkeit der Figuren und zugleich überrascht die heitere, kindliche aber nicht kindische Seite der Motive. Keinesfalls kaweii.

Ambiguitätstoleranz

Für mich liegt die große Stärke der Arbeiten Yoheis Yashimas in der Herausforderung an den Betrachter diese Ambiguität auszuhalten. Erwachsenwerden bedeutet auch zu erkennen, dass man nicht leidfrei, nicht unbelastet, nicht sorgenfrei durch das Leben kommt. Paradise lost ist das Erleben des Endes der unschuldigen Kindheit. Es gibt eine Bewegung, die das so furchtbar findet, dass sie ihre Eltern anklagt, sie überhaupt geboren zu haben. Diese Antinatalisten ertragen weder Welt noch Erwachsensein und haben zur eigenen Entlastung einen Schuldigen am Leiden ihrer Existenz gefunden: die Eltern.[iii] Und für die anderen? Da bleibt die Aufgabe, die Ambiguiät auszuhalten. Ambiguität – das Phänomen der Mehrdeutigkeit und Offenheit – wird als belastend, als mühsam, als schwierig auszuhalten empfunden. Unbekanntes löst Ängste aus. Ambiguität ist das Gegenteil von Eindeutigkeit und lässt zu, dass Wahrheitsbegriffe und Lebenserfahrungen und Lebensdeutungen schillern, nicht absolut zu sehen und zu verstehen sind; wo der eine Vielfalt sieht, erkennt der andere Bedrohung. „Es ist also Menschenschicksal, mit Ambiguität leben zu müssen“[iv], stellt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer fest und beklagt ein Zuwenig an Ambiguitätstoleranz. Keine Frage: Widersprüchlichkeit, Fremdes, Anderes ist unbequem und – ich behaupte – jeder und jede versuchen auch aus sehr pragmatischen Gründen alltäglich eine Ambiguitätszähmung – und dennoch sind Leben und Welt vielschichtig und widersprüchlich. Auch Leidvoll.

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Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch Die Errettung des Schönen von der Ästhetik der Verletzung. Was meint das? Zuerst ist es ein Abschied von einer ästhetischen Position der Gegenwart, die das Schöne im Gefälligen und Glatten sieht, das Glatte zur „Signatur der Gegenwart“[v] macht. Schönheit als Aufgabe der Kunst wäre dann bereits bei großen und unbestrittenen Arbeiten der Kunstgeschichte, die menschliches Leiden thematisieren, wie bei Grünewald, Goya, Kollwitz keine Kategorie mehr – und die Verwirklichung des Schönen wird seit der Antike als Aufgabe der Kunst gesehen. Das Leidvolle, das Verletzte künstlerisch umzusetzen, bedeutet, es zuerst in den Blick zu nehmen: „Das Sehen im empathischen Sinn ist aber immer anders sehen, das heißt erfahren. Man kann nicht anders sehen, ohne dass man sich einer Verletzung aus|setzt. Das Sehen setzt die Verwundbarkeit voraus. Sonst wiederholt sich das Gleiche. Sensibilität ist Vulnerabilität. Die Verletzung ist, so könnte man auch sagen, das Wahrheitsmoment des Sehens.“[vi] Diese von Han beschrieben Fähigkeit des empathischen Sehens prägen die Arbeiten von Yohei Yashima. Und in der künstlerischen Umsetzung und dem Wahrnehmungsprozess des Betrachters und der Betrachterin, verändert Kunst den Wahrnehmunngsprozess. Wenig kann Kunst mehr als aus dem Sehen zum Angerührt werden und zur Reflexion zu führen und dadurch zu Bewegungen, seelischen wie politisch handelnden, aus der vita contemplativa vor der Kunst stehend und betrachtend zur vita activa in Leben und Gesellschaft –  und so kann Kunst auch den Betrachter selbst verändern.[vii] Glücklich, wer aus einer Ausstellung anders herauskommt, als er hineingegangen ist.

Der Andere

Das empathische Sehen ist Ausgangspunkt menschlicher Kommunikation. Wer aber den andere anschaut, ihn in den Blick nimmt, der legt ihn auch fest.[viii] Zur Offenheit und Empathie gehört dabei auch, sich immer wieder neu auf den anderen einzulassen und das Bild, das man sich von ihm oder ihr gemacht hat, zu korrigieren; dazu gehört aber auch die Offenheit des Anderen zu kommunizieren und sich zu öffnen. Ein nicht immer gelingender, ein nicht immer einfacher Akt. In seinen letzten beiden, noch unvollendeten Arbeiten, Portraits von sich und seiner Schwester, erleben die Betrachter diese Schwierigkeiten. Beide Portraitierte haben Masken vor den Augen, schützen sich damit und verstecken sich – lassen offene Kommunikation nur begrenzt zu. Und auch Yoheis Maske des barmherzigen Buddha bleibt am Ende Maske. Die biografische Situation dahinter war die depressive Erkrankung seiner Schwester, an die er in dieser Zeit nicht mehr emotional und kommunikativ herankam. Subtil und anrührend geben diese beiden noch unvollendeten Bilder einen Ausblick in die kommenden Arbeiten von Yohei Yashima, auf die ich sehr gespannt bin. Seine künstlerische Heransgehensweise an Menschen und Gesellschaft haben mich berührt in ihrer Verletzlichkeit und Ehrlichkeit. In einer Gesellschaft der Selfieproduktion mit dem Versuch, die Definitionsmacht über das eigene Äußere, die Erscheinung, das eigene Bild zu halten, thematisieren diese Bilder den externen Blick und die Behinderung der Kommunikation durch das Festhalten am eigenen Bild.

Wilfried Köpke 


[i] Vgl. Sybilla Patrizia: Fotos von Japans kompliziertem Verhältnis zu Niedlichkeit, Vice, 16. Februar 2017, https://www.vice.com/de/article/wn787m/fotos-von-japans-kompliziertem-verhaltnis-zu-niedlichkeit [30.06.2019]

[ii] Yohei Yashima im Gespräch mit dem Autor am 26. Juni 2019 in Hannover.

[iii] Vgl. Nina Pauer: Los, komm, wir sterben endlich aus! In: DIE ZEIT No. 27, 27.06.2019, S. 41.

[iv] Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart 102019, S. 13.

[v] Byung-Chul Han: Die Errettung des Schönen, Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, S. 9.

[vi] Byung-Chul Han: Die Errettung des Schönen, Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, S. 44f.

[vii] Vgl. zur Rolle der Kunst und dem Wahrnehmungsprozess auch: Wolfgang Welsch: Wahrnehmung und Welt, Berlin (Mathes & Seitz) 2018, S. 68-73.

[viii] Vgl. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Reinbek (Rowohlt) 1991, S. 457-538.

terra incognita

36 Künstlerinnen und Künstler in der Region Hannover öffnen ihre Ateliers beim Atelierspaziergang 2019 – Begleitende Ausstellung im Schloss Landestrost in Neustadt am Rübenberge – 10. Mai 2019 bis 16. Juni 2019

Vernissageeinführung von Wilfried Köpke am 9. Mai 2019:

terra incognita – unter diesem Thema waren in diesem Jahr Künstlerinnen und Künstler in der Region aufgefordert sich um die Teilnahme an dem Atelierspaziergang zu bewerben. Terra incognita – das meint in einem ersten Verständnis gerade zu Beginn der Renaissance, zu Beginn der Moderne die Gebiete, die noch nicht beschrieben und kartographiert, erfasst worden sind. Vulgo: Die „man“ noch nicht entdeckt hat. Wobei dieses „man“ bereits auf ein Problem hinweist. Als Christoph Kolumbus Amerika entdeckte – das er für Indien hielt – wussten die indigene Völker bereits um sich und als Kolumbus vor Zeugen das Land für die Könige Kastiliens in Besitz nahm, der terra incognita einen Namen gab, war es bereits besessen und hatte auch bereits einen Namen für die, die dort lebten. Und selbst wenn Papst Benedikt XVI. noch vor einigen Jahren betonte, dass die Missionierung der sogenannten Indianer die Erfüllung ihrer Sehnsucht und Suche nach Gott gewesen sei, so ist das eine Wahrnehmung aus der Perspektive der Eroberer bzw. derjenigen, sie sich im Besitz der Wahrheit befinden, auf die die anderen dann wohl gewartet haben müssen.

Vera Burmester Atlas 2019

Terra incognita ist die Behauptung derer, die beherrschen wollen: religiös, politisch oder auch nur, um die eigene Angst vor Unbekanntem durch Beschreibung und Erfassung zu bannen, den Dämon des Offenen und Unbestimmten zu zähmen. Der Akt der Benennung und Beschreibung ist immer auch der Akt des Beherrschens und Verfügbarmachens.

Dieser Akt der Beschreibung, des Erfassens, des Beherrschens ist damit nicht per se schlecht. Wenn Mediziner die letzten weißen Flecken auf der DNA-Landkarte erforschen wollen, dann kann das sowohl der Bekämpfung von Erbkrankheiten dienen wie der skrupellosen Genmanipulation.

Terra incognita verweist auf noch offene Felder des Unbeherrschten und den Wunsch des Verstehens und Verfügens. Und: terra incognita verweist auf den Wunsch das Vage und Unklare zu bannen – aus der terra incognita ein bekanntes und benanntes Land zu machen. Was dem einen terra incognita ist dem anderen bekannt, was der eine wissen will, meidet der andere. Das Phänomen der Ambiguität.

Ambiguität – das Phänomen der Mehrdeutigkeit und Offenheit – wird als belastend, als mühsam, als schwierig auszuhalten empfunden. Unbekanntes löst Ängste aus. Ambiguität ist das Gegenteil von Eindeutigkeit und lässt zu, dass Wahrheitsbegriffe schillern, nicht absolut zu sehen und zu verstehen sind. Die Erfahrung ist, dass Leben und Welterfahrung nicht eineindeutig sind – was dem einen Heimat ist dem anderen terra incognita; wo der eine einen Haufen Steine sieht, entdeckt der anderen die Fundamente eines alten Tempels; wo der eine Vielfalt sieht, erkennt der andere Bedrohung. „Es ist also Menschenschicksal, mit Ambiguität leben zu müssen“[i], stellt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer fest und beklagt ein Zuwenig an Ambiguitätstoleranz, stattdessen diagnostiziert er – auch und gerade im Kunst- und Kulturdiskurs – „drei fundamentalismuskonstitutive Ausprägungen von Ambiguitätsintoleranz (…), nämlich die Wahrheitsobsession, die Ablehnung von Konvention und Geschichte sowie das Streben nach Reinheit“[ii]. Wenn ich terra incognita ansehe mit dem Ziel der Beherrschung, dann stülpe ich ihr meine Wahrheit über, verweigere ihr die eigene Geschichte und merze aus, was gegen meine Interpretation, meine Geschichte, meine Beschreibung und Kartografie steht.

Keine Frage: Widersprüchlichkeit, Fremdes, Anderes ist unbequem und – ich behaupte – jeder und jede versucht auch aus sehr pragmatischen Gründen alltäglich eine Ambiguitätszähmung – und dennoch sind Leben und Welt vielschichtig und widersprüchlich. Das kann auch spannend sein.

Künstlerinnen und Künstler haben nun Arbeiten ausgestellt, mit denen sie sich dem Thema terra incongnita stellen. Und – das ist Schöne –  sie  glätten nicht, sondern lassen Widersprüche zu.

Vier Annäherungen an das Thema terra incognita sehe ich in der Ausstellung:

  1. terra incognita und Landschaft
  2. terra incognita als Forschungsräume jenseits des Vertrauten im Alltag
  3. terra incognita an den „Wegmarken des Lebens“
  4. Die künstlerische Phantasie als terra incognita

I

Im ersten Raum hat Hartmut Hennig mit seiner Videoarbeit Niemandsland eine Position aufgebaut, in der Betrachter versuchen, Landmarken zu entdecken, die Gegend zu benennen und zu erfassen, was durch Kamerastandpunkt und Motiv: Wind, Sandverwehungen, unklarer Horizont, kaum möglich ist: Die Zähmung der Landschaft gelingt nicht. Die Arbeiten von Astrid Eggert, Torsten Paul, Götz Bergmann im selben Raum und die Positionen  von Mona Fischer (terra imaginaria), Schirin Fatemi, Hanno Kübler und Megumi Yamaura (A glimpse of ladscape) erwecken – bei aller Unterschiedlichkeit in Stil, Material und künstlerischer Umsetzung – ein ähnliches Erleben: Als Betrachter, als Betrachterin kommt einem schnell etwas bekannt vor: ein Schiff auf dem Meer – aber dann eine gepunktetes Raster darüber, ein Bugdetail gemalt, das beinahe in die Abstraktion übergeht, ein Sedimentabstich, der aus Ölfarbschichten besteht, die vertrauten Motive der Lichtung, des Waldes – mit wirklichkeitsfremder Farbigkeit, die Stadt mit Häuserfronten (verwirrend in der Perspektive) und Straßenbahnmotive, die bekannt vorkommen  und doch Japan zitieren: Alles anscheinend eindeutige Motive, die dem zweiten Blick nicht standhalten und nicht einfach zu dechiffrieren sind. „Landschaften“ (und ähnliches mag für Seestücke gelten) hat Gregor Simmel 1913 geschrieben, sind „noch nicht damit gegeben ist, dass allerhand Dinge nebeneinander auf einem Stück Erdboden ausgebreitet sind und unmittelbar angeschaut werden. (…) Der Künstler ist nur derjenige, der diesen formenden Akt des Anschauens und Fühlens mit solcher Reinheit und Kraft vollzieht, dass er den gegebenen Naturstoff völlig in sich einsaugt und diesen wie von sich aus neu schafft; (…) »Landschaft« sieht und gestaltet.“[iii] Die genannten Arbeiten lassen dieses Benennen im Vagen und verzichten auf die mimetische Eindeutigkeiten, lassen terra incognita in ihrer Ambiguität bestehen. Es sind künstlerische Landschaften durch und durch. Und selbst wenn Sergej Tihomirov in einem Versuchsaufbau zeigt, wie er hannoversche Motive mit Farbpigmenten aus hannoverscher Erde malt, bleibt die terra nostra mehr ein Versprechen als wirksame Beherrschung der terra incognita.

II

Dass auch der Alltag Ort des künstlerischen Forschens und Entdeckens der terra incognita sein kann, zeigen die Arbeiten von Edin Bajric, Elena Glazunova, Magda Jazabek, Gunnar Klenke, Alexander Kühn, Martin Sander und Katharina Sickert. Tomatenstrüncke mit Harz übergossen klettern eine Wand herauf und gestalten plötzlich den Raum, lassen den materialen Ursprung vergessen; eine Tür scheint sich zu öffnen, der Lichtwurf erweitert sich, um dann gebannt im Türrahmen zu bleiben; die Fotos der Tischplatte der Künstlerin geben dem Auge keinen Anhaltspunkt und das Gehirn beginnt Landschaften, Landkarten, Strukturen zu generieren, wo nur Zufall am Werk war; die Handlinien nachgezeichnet und mit esoterischen Signaturen versehen, lässt aus der Hand eine geheimnisvolle Zukunftslandschaft werden; Amaryllis- und Engelstrompetenblüte übermalt, collagiert, bearbeitet lassen aus vertrauten Blüten unbekannte Wesen werden – flora incognita. Die fotografische Sammlung von verlorenen oder weggeworfenen Handschuhen in Hamburg wird zu einer kleinen archäologischen Alltags-forschung: Hamburger Straßen erobert, kolonisiert von Handschuhen wie von einer fremden Spezies. Katharina Sickert hat in neun Arbeiten Alltagsgegen-stände (Tisch, Vase, Lampe) jeweils neu gesetzt und variiert: die Vielfalt der Fassung ähnlicher Motive zeigt auch die Ambiguität der Wahrnehmung des Alltags im künstlerischen Prozess.

III

Terra incognita und die Wegmarken des Lebens

In der „entzauberten Welt“ (Max Weber) der Moderne folgen Lebensentwürfe nicht mehr den vorgegebenen, sozialen Landkarten: Geburt, Hochzeit, Kinder, Karriere, Rente und Tod. Die Selbstverständlichkeiten sind abhandengekommen und die Lebenslandschaften terra incognita, die je neu definiert, bestimmt und kartographiert werden müssen.

Angelika Manz Arbeit Zeughaus nimmt auf die menschliche Zeugung Bezug, bleibt darin aber deutungsoffen. Zwar schauen Dämonen bei der Zeugung zu, sind Körperstrukturen, Gesichter zu erkennen, aber es bleiben auch amöbenhaft offene Formen. Die Offenheit aus Zeugung und als Wurf in der Welt bleibt im menschlichen Leben. Und auch Anne Nissen, die über Spiegel die Ultraschall-aufnahmen eines Ungeborenen in der Gebärmutter an Decke und Wände projiziert, setzt an dieser Offenheit menschlichen Lebens und Geschicks an. Kristina Breitenbach nimmt Flora und Fauna wie aus einem Kinderbuch auf und verbindet sie mit menschlichen Umrissen, die Proportionen lassen an Alice im Wunderland oder die Biene Maja denken („In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzulanger Zeit“, begann der Titelsong von Karel Gott zur Fernsehserie), Natur und Zivilisation im Wettstreit, den die Kinder in ihrer Welt und Fantasie so gar nicht empfinden. Yohey Yashima hat aus der Arbeit mit Down-Syndrom-Kindern und der unterschiedlichen, sprachlichen Ursachenbezeichnung von Depression im Deutschen und im Japanischen einmal als Geisteskrankheit (deutsch), das andere Mal als Herzkrankheit (japanisch) die Gefährdetheit menschlicher Lebensentwürfe und –planung ins Bild gesetzt. Bernhard Kocks Bild Meppen nimmt als Ausgangspunkt den Ort seiner Kindheit, der nach mehr als 35 Jahren sich in die Koordinaten einer Landkarte auflöst und neu belegt wird: Die innere Landkarte überdeckt und gestaltet die objektive. Diese Herkunftsbezüge, die doch so recht nicht erklären, wer man ist, finden sich auch in der Arbeit von Maike Zopf: eine Frau mit Spiegel oder Handy und hinter ihr zwei alte Paare: wer definiert hier wen und was bleibt trotz allem unbekannt? Ulrike Grests Arbeit Herbst erinnert zum einen an die Manadala-Bilder und Blätter-Collagen von Kindern und greift zugleich den menschlichen Lebenszyklus auf, der den Herbst, landwirtschaftlich wie lebensweltlich, als Zeit des Sammelns, Sortierens und Erntens, als Zeit der Bestandsaufnahme definiert. Eine Zeit, das eigene Leben zu kartographieren, das Leben, das in der starken Bleistiftarbeit von Christiane Mauthe dem Gesicht einer alten Frau seine Landmarken, Schrunden und Spuren eingezeichnet hat. Kathrin Uthes Arbeit Jenseits schließt dieses terra incognita-Aspekt der Wegmarken des menschlichen Lebens mit dem Verweis auf das Danach, die Bäume streben zum Himmel, dünn, beinahe sphärisch gezeichnet bilden sie ein natürliches Arkanum, den Verweis auf die letzte terra incognita: Das Land nach dem Tod.

IV

Die künstlerische Phantasie als terra incognita zu beschreiben kann banal wirken. Ich entdecke aber in einigen Arbeiten, die ausdrückliche Haltung, den künstlerischen Prozess selbst und die Motive als undefiniert, definitionsver-weigernd zu setzen bzw. die Besetzung der Arbeit durch den Betrachter zu erzwingen. Gerade in diesen Arbeiten wird die Ambiguität, die Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit von Leben, Lebenswelten, Gesellschaft sehr deutlich.

Die Arbeiten von Susanne Andreae und Inge Marion Petersen lassen Bewohner der terra incognita entstehen, die wie aus anderen Welten erscheinen und doch irgendwie vertraut, Harriet Sablatnig kombiniert Ausschnitte realistischer Widergabe mit Zeichnungen wie nach beim Mikroskopieren, so dass unsere Wahrnehmungsweise infrage gestellt wird – die Arbeiten hinterfragen unsere Sehmuster ebenso wie Jürgen Friedes Arbeit Weises junges Mädchen, das aus einem anderen, von uns aber nicht zu erkennendem Kulturkreis zu stammen scheint – als Person wie als künstlerischer Ausdruck.

Anna Eisermanns „Träume weiter…“ verbindet ein wie aus der ethnologischen Sammlung stammendes Artefakt mit unserer alltäglichen Traumsituation aus der manches geboren werden kann. Träume, die zwar nach Freud Schlüssel zur Seele sind, aber auch ein unbekanntes Land mit seiner Faszination und seinen Schrecken. Das Unbekannte, das das Geheimnisvolle sein kann, wie die noch nie „gesehene“ aber von Michaela Hanemann gearbeitete Oortsche Wolke oder die nicht recht zu fassende Landschaft von Dagmar Schmidt, die wie in einem musealen Schaukasten zur Beobachtung einlädt, ohne sich fassen und definieren zu lassen.

Künstlerisches Erforschen der Welt und des Lebens, der geografischen wie der lebensweltlichen terra incognita, trifft Gerhard Merkins Arbeit I deal in surprises. Zwar finde ich Spuren und Strukturen von Landkarten, aber sie geben nur bedingt Struktur und Ordnung. Das menschliche Leben bleibt Überraschung. Und auch wenn bereits die Bibel in den ersten Zeilen[iv] als Hauptaufgabe des Schöpfers das Einbringen einer Ordnung in das Tohuwabohu, das Martin Buber genial mit „Irrsal und Wirrsal“ übersetzt („Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz.“[v]) – so geht bereits mit dem ersten Menschenpaar, die die Aufgabe hatten das Fremde zu benennen und damit zu beherrschen, die göttliche Ordnung bald verloren: Brigitte Schrage fragt nach: „Adam and Eve – where are you now?“

Terra incognita hat 36 wunderbare Positionen hier ins Schloss Landestrost gebracht. Es sind die Einladungen in die Ateliers der Künstlerinnen und Künstler an den kommenden beiden Sonntagen. Die Ausstellung spielt mit unserem Wunsch des Begreifens, Verstehens und Ordnens. Vera Burmester hat im vorderen Raum einen Tisch und einen Stuhl aufgestellt. Auf dem Tisch ein paar Globen und ein Atlas, kollagiert und gestaltet mit Karten, Bildern, Texten. Es ist die Verortung des Bestrebens aus der terra incognita die bekannte, erfasste, definierte, kartographierte Welt zu schaffen.

Vera Burmester Atlas (2019) Detail
Vera Burmester Atlas 2019 (Detail)

Auf dem Indexblatt des Atlanten steht ein Gedicht von Rose Ausländer und das soll zum Abschluss stehen und als Einladung terra incognita zu entdecken und auszuhalten – und sich selbst anrühren und verändern zu lassen. Den auch das macht gute Kunst ja aus: Das man als Betrachter und Betrachterin anders aus der Ausstellung rauskommt, als man reingegangen ist.

Nichts bleibt wie es ist

Ich träume mich satt

an Geschichten

und Geheimnissen

Unendlicher Kreis aus Sternen

ich frage sie

nach Ursprung Sinn und Ziel

sie schweigen mich weg

Den Orten die ich besuche

gebe ich neue Namen

nach den Wundern

die sie mir offenbaren

Nichts bleibt wie es ist

es wandelt sich

und mich


[i] Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart 102019, 13.

[ii] Thomas Bauer: Die Vereindeu-tigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart 102019, 44.

[iii] Simmel, Georg: In: Die Güldenkammer – III (1913); 3. – 635 – 644.

[iv] Gen 11.

[v] Die Schrift, Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig, Gütersloh 2007, 12

Formgezogen – Kollektiv Kasse 11

Unter dem Titel „FORMGEZOGEN“ arbeiten acht Studierende des fünften Semesters, der Studiengänge Kostüm und Experimentelle Gestaltung der Hochschule Hannover mit den unterschiedlichsten Gestaltungsmitteln. Neben Malerei und Zeichnung wird es Installationen und einen Film geben.

Kuratiert wird die Ausstellung von Carlotta Meister und Elena Gerasimov, ebenso Studierende des Studiengangs Experimentelle Gestaltung und zur Zeit Praktikantinnen der Artothek Hannover.

Die Vernissage wird mit einem Sektempfang und einer Rede von Prof. Wilfried Köpke am 08.12 um 11 Uhr eröffnet.

Artothek Hannover e.V., Voßstraße 11A.

 

 

 

Einführung: Wilfried Köpke

Yasemin Yilmaz: 7 Days

Ausstellung vom 19. bis 26. August in der EISFABRIK Hannover

Einführung von Wilfried Köpke

Zeit ist ein Thema, das Yasemin Yilmaz seit vielen Jahren künstlerisch beschäftigt. Patricia Goodrichs Erkenntnis „Each second has only one life“, findet sich in manchen Arbeiten und Katalogen wieder. Den 29. Februar 2008 und folgende Schaltjahre hat sie als Kuratorin von zwei Künstlerinnen und Künstlern pro Kontinent für 24 Stunden als geschenkten Tag gestalten lassen. Zeitnehmen und gestalten, das klingt ja dann auch ein bisschen trendy nach poetischem Club der toten Dichter und Seelenpflege: Pflücke den Tag! Lebe den Moment! Genieße die Sekunde!

Irgendwie stimmt das auch alles und wirkt doch häufig wie aus dem Wellness-Prospekt des nächsten Spa oder klingt nach Kühlschrankpoesie. Der Moment will eben real gelebt und nicht nur etwas anempfunden werden und Leben ist (auch) Prozess, Suchen, Ringen, Klären, Warten….

Yasemin Yilmaz – 7 days – 2017 Yasemin Yilmaz: 7 Days weiterlesen

Warum ticken manche Uhren anders

Ausstellung der deutsche und japanischen Künstlerinnen und Künstler

Frank Fuhrmann, Chieko Fumikura-Fuhrmann, Annika Kahrs, Toyoko Katsumata,
Mitsunori Kurashige, Satoshi Ogawa, Ute Seifert, Masami Yoshioka

auf Schloss Agathenburg, 13.08.2017 bis 01.10.2017.

Kuratiert von Ute Seifert und Frank Fuhrmann´.

Einführung mit Wilfried Köpke: Warum ticken manche Uhren anders weiterlesen