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Magie des Lebens

Daniel Enkauoa in der Galerie Koch (bis 21. März 2026)

Junge Erwachsene – seine Kinder, Landschaften, Wassermelonen und Mangold. Das malt Daniel Enkaoua, das sehen Sie hier. So ausgesprochen, wirkt es beinahe banal. Zugleich beginnt mit dem Betreten der Galerie und mit dem ersten Blick auf das Bild Aure, la main posée sous le visage (Aure, das die Hand unter dem Gesicht) der Zauber dieser Bilder eines Ausnahmemalers zu wirken.

Vor zwölf Jahren bin ich den Arbeiten Daniel Enkaouas das erste Mal begegnet. Die Galerie Koch hatte unter dem Titel ROT eine Arbeit von ihm präsentiert, die seine Tochter Aure als Mädchen zeigte, das den rot gefütterten Mantel seiner Mutter Sarah trug: Aure et le mantau de Sarah. Daneben waren Arbeiten von Lyonel Feininger, Sam Francis, Ernst Ludwig Kirchner, Niki de Saint Phalle u.a. zu sehen. Fasziniert war ich von der Enkaoua-Arbeit. Irgendwann hing sie im Fenster. Ich fuhr ein paar Mal vorbei. Zeigte sie einer Kollegin, bevor wir gegenüber im Al Dar essen gingen. Ich kam nochmal in die Galerie, nur für dieses Bild. Es zog mich magisch an. Und das ging mir in der Folge mit vielen Bildern Daniel Enkaouas so.

Auf diese Magie möchte ich sie als vademecum zur Entdeckung dieser Bilder hinweisen. Auf die Magie. Die Magie der Malerei Daniel Enkaouas, die Magie seiner Motive, die Magie des Lebens. Darunter geht es nicht.

Magie der Malerei

Was auffällt, schon beim ersten Bild, der liegenden Aure gleich gegenüber der Tür, ist die Kraft der Farben. Hier ein kräftiges Gelb neben einem starken Violett und Pinselstriche, die man aus der Nähe sieht. Kräftig, energisch. Der Malvorgang wird nicht verborgen. Farben liegen in der Nähe so nebeneinander, dass ich das Motiv als Betrachter verliere. „…und in der Distanz geschieht das Wunder, der Witz (…) der gleitende Vorgang der Transsubstantiation, bei dem Farbe Farbe ist“, aber auch Bewegung, Dynamik und Kommunikation, Bedrohung und Auflösung: „Der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr ist“. Vgl. Donna Tartt (2013): Der Distelfink, S. 1016.() In der Ferne fügt sich das Bild wieder zusammen und aus dem diversen Einzelnen wird eines, ein Motiv, ein Bild. Diese Dynamik greift unabhängig von den Größen der Bilder – Daniel Enkaoua beherrscht das kleine Kabinettstück wie die große Leinwand meisterhaft – und sie funktioniert in ihrer Kraft selbst bei den ruhigen und leisen Motiven, wie den Bildern seiner liegenden Kinder.

Mich selbst hat das überrascht. Und im Vorgespräch habe ich den Gegensatz zwischen den vulnerablen Motiven und den kräftigen, bei einigen Arbeite auch pastosen Pinselstrichen, thematisiert. Für den Maler war das kein Gegensatz. Und er sah die liegenden Kinder auch nicht als verletzlich, sondern eher als zart. Die Kraft der Farben und der Malgestus halten sie auf jeden Fall dynamisch und, so betont Daniel Enkaoua vor drei Jahren in einer eMail an Annette Brunner: „Farben sind der Duft der Existenz. Und das bedeutet hier eine große Lebendigkeit.

Zudem hat der rasche Pinselstrich auch eine technische Komponente. Manchmal muss es schnell gehen. Nicht nur weil die Kinder mittlerweile aus dem Haus sind und nun nur manchmal noch als Modelle zur Verfügung stehen. Bei den Landschaften auch deshalb, weil sich das Licht laufend ändert.

Die Landschaftsbilder aus der Toscana, hier hängt eines und oben noch eine Reihe weiterer, hat Daniel Enkaoua im vergangene Sommer in zehn Tagen gemalt. Plein air – so auch der Titel dieser Ausstellung. In der Toskana wechselte das Licht stündlich und Daniel Enkaoua kämpft mit diesem Lichtwandel, dem Farbenspiel: „Es war eine Explosion, eine totale Explosion vom Morgen bis zum Abend. Und ich habe zehn Tage tagtäglich gemalt, von morgens bis abends und anschließend war ich völlig fertig und konnte meine Arme nicht mehr bewegen“. Der Maler setzt sich den Landschaften aus, die er malt, er geht in den Dialog mit Licht, Wetter und Farben, um sie vor Ort auf der Leinwand umzusetzen.

Die Impressionisten hatten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die plein-air Malerei forciert, entgegen aller akademischen Tradition, dass das gute Bild im Atelier zu entstehen habe. Weniger Atelierkomposition als unmittelbarer Ausdruck. In der Betrachtung der Bilder trifft dann das Empfinden Betrachters auf den Empfindungsausdruck des Malers. „Es sind Bilder, die es weniger zu verstehen als zu genießen gilt – ein Wunsch, der wenig später auch die Expressionisten berauschte (…).“ (Kyllikki Zacharias (2015): Im Grünen, in: Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende. München (Hirmer) S. 137). Diese im malerischen Gestus vermittelte Unmittelbarkeit finden wir nicht nur bei den Landschaften und Portraits, sondern auch bei den im Atelier entstandenen Stillleben, obwohl sie geplanter, gesetzter und mit mehr Zeit entstehen.

Es bleibt auch hier die Magie im künstlerischen Entstehungsprozess. Daniel Enkaoua erläutert 2022 in einer eMail an Anette Brunner: „Bevor ich mein Atelier betrete, scheint es ein ganz normaler Tag zu sein, aber sobald ich meine Palette und meine Pinsel in die Hand nehme, wird dieser Tag durch den Malprozess transzendiert.“

Magie der Motive

Landschaften, seine Kinder, Obst und Gemüse. Mehr alltäglich als magisch. Doch die Motive verweisen auf eine darüber hinausweisende Dimension, den durch den „Malprozess transzendierten“ Tag.

In den Landschaften verfolgt der Künstler ein Programm, ausgehend von der Wahrnehmung der romantisierenden oder glorifizierenden Gemälden der israelischen Landschaft, er hat dort beinahe zwanzig Jahre gelebt und gelernt, entdeckte er die Parallelen zu Landschaften im gesamten Mittelmeerraum und will sie im Lauf der Jahre malerisch erkunden. Vergangenes Jahr die Toscana.

Und dann die Portraits seiner Kinder. Auf dem Boden liegend, den Rücken abgewandt, beim Lesen. Als Betrachter begegne ich ihnen in privaten Momenten. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl des voyeuristischen Eindringlings. Ich komme gar nicht auf die Idee, eine Diskussion anzuzetteln wie sie vor Jahren bei Balthus und seinen jungen Modellen geführt wurde oder, einige erinnern sich vielleicht noch an die Ausstellung Der Blick auf Fränzi und Marcella: Zwei Modelle der Brücke-Künstler Heckel, Kirchner und Pechstein, die Ulrich Krempel 2010 im Sprengel-Museum feinfühlig einführte, weil kurz zuvor der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg, einer Jesuitenschule in Berlin, an die Öffentlichkeit gedrungen war. Nichts davon in Enkaouas Bildern. Sie sind privat, persönlich, aber nie entblößend. Daniel Enkaoua wendet sich den Motiven zu und malt sie als künstlerische Inspiration, nicht als Projektionen seiner (väterlichen) Gefühle. So scheint es mir, und er selbst schreibt dazu an Anette Brunner: „Als Maler bin ich nicht von meiner Stimmung abhängig. Natürlich habe ich während des Malens Gefühle, aber ich glaube nicht, dass diese meine Bilder beeinflussen. Das stärkste Gefühl, das mich beim Malen leitet, ist, dass mir der Malprozess die Augen für die Schönheit der Welt, für ihren Reichtum und ihre Komplexität öffnet.“

Wahrscheinlich ist es das. Die Modelle sind Aure und Natan und Liel. Und zugleich sind sie mehr: Ausdruck einer bestimmten Haltung, eines Lebensgefühls, eines Momentes der Versunkenheit, des Bei-sich-seins, de Groß-sein-Wollens und Zögerns. Und so wird ein Satz aus den Essaies Michel de Montaignes in den Bildern Daniel Enkauos wahr: „Jeder Mensch trägt die ganze Gestalt des Menschseins in sich.“ (E III,2).

Vor zwölf Jahren konnte ich mich der Magie der Aure im viel zu großen Mantel ihrer Mutter nicht entziehen. Ich saß einige Minuten hier in der Galerie davor. Es war mein Bild. Mein Lebensgefühl. Passte mein Mantel (der Habitus angelehnt an Pierre Bourdieu) oder war er zu groß. Wuchs ich rein oder war ich ein Gernegroß? Und es verändert sich meine Wahrnehmung de Bildes seit Jahren immer ein wenig, changierend zwischen zuversichtlich und furchtsam, neugierig und zurückgezogen, geborgen und unbehaust. Die Lebensdialektik des Sowohl-als-auch.

Enkaouas Bilder referieren auf den universellen Code des Menschseins – das ist viel in unserer fragmentierten Welt der kleinen Wohlfühl-Bubbles.

Und die Wasser- und Honigmelonen? Der Mangold? Daniel Enkaoua dazu im Vorgespräch am 8. Januar d. J.:„Die alltäglichen Dinge sind Reflektionen unserer selbst“. Und darin haben sie eine eigene Würde. Die übergroß wirkenden Melonen hier an der Seite (La Pastèque et le melon) sind naturgroß. Wir schauen als Betrachter auf sie drauf, sie sind geteilt, aufgeschnitten, eine halbe Wassermelone fehlt bereits. Der diffuse Hintergrund lässt den Blick auf den Melonen, als beobachteten wir eine Szene, ein Gespräch, einen Dialog. Es geht narrativ weiter als nur eine Abbildung. Es führt weiter in die Magie des Alltags, die…

Magie des Lebens

Malen bedeutet, die Welt zu erkunden, Farben sind der Duft der Existenz.“, schreibt Daniel Enkaoua an Annette Brunner und mir sagt er am Ende des Gesprächs, angesprochen auf die neue, heftigere, bewegte Strichführung und die defensivere Farbigkeit. „La vie. C’est la vie, c’est la vie. Je peins la vie.“ (Das Leben. Das ist das Leben, das ist das Leben. Ich male das Leben.) Ja. Und zugleich passiert mehr. Dass Kunstwerke manchmal größer sind als die sie erschaffenden Künstler:innen, betonen Künstler und Kunsthistorikerinnen gerne. Das liegt bereits am Rezeptionsprozess, der weiter gehen kann als die Lebensrealität der Schaffenden.

Doch braucht es auch zwingend die Offenheit für den Blick dazu und die ästhetische Kraft. Beides finde ich in den Bildern Daniel Enkaouas.

Und dabei weisen die Bilder auf eine darüber hinausreichende, spirituelle Dimension: „Ein Akt des Dankes vielleicht,“ wie der Belgische Schriftsteller Grégoire Polet in seinem Text über die Arbeiten Enkaouas vermutet, „doch gefangen in einem beunruhigenden Gefühl der Not, oft zerbrechlich und verletzlich, unmöglich zu formulieren, kraftvoll und ergreifend. Ein zerbrechliches Gebet, überrascht und beharrlich, das bei der geringsten Berührung anklingt und uns alle, jeden und zu jeder Zeit, von Herz zu Herz, an unsere tief empfundene persönliche Verantwortung erinnert.“ ( Grégoire Polet: On some of Daniel Enkaoua’s Paintings, in: Daniel Enkaoua, Works, Barcelona (2015) S. 37 – 39, hier S. 39).

In der jüdischen Theologie nach der Shoah, dem Versuch der systematischen, industriellen Vernichtung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus, wird diese Zuwendung zum Leben in seiner Fragilität als Heiligung des Lebens zur lebensbejahenden Disziplin. Das Leben zu lieben ist fruchtbarer, scheint gebotener als das Martyrium.

Und mir scheint, es ist das, was die Bilder bei uns als Betrachter anrühren: Daniel Enkaoua lässt in seinen Bildern Würde und Magie des Lebens aufscheinen. Mehr geht kaum.

Öznur Cansever: Erinnerungen

| 07.03. – 17.03.2025 | Künstlerhaus Hannover | Ausstellungseinführung[i]

 

Am Internationalen Tag der Frau als Mann zu sprechen ist unprofessionell und problematisch. Das habe ich den Organisatorinnen gesagt. Wenn ich es dennoch verantwortlich tue, dann aus zwei Gründen: Der Ursprung des Internationalen Frauentages hatte immer mehr als die Frauen, nämlich die gesamte Gesellschaft im Blick. Und ich bin als Mann auch Bruder einer Schwester, Vater einer Tochter, Partner einer Frau. Der diesjährige Prix Goncourt-Preisträger Kamel Daoud betont in feministischer Perspektive auf die Gesellschaft: „Nur wenn meine Frau sich sicher und frei bewegen kann, bin auch ich in Freiheit und Sicherheit.“[ii]  Das entscheidende Kriterium für die demokratische und politische Gesellschaft ist für ihn die Freiheit der Frauen. Und das lässt sich erweitern auf unsere Schwestern und Töchter.

Diese Position schließt an den Anlass an, seit 1921 den 8. März als Weltfrauentag zu setzen. 1917 streikten an diesem Tag in Petrograd die Bewohnerinnen der armen Stadtviertel. Arbeiterinnen, die Ehefrauen von Soldaten und erstmals auch Bäuerinnen gingen gemeinsam auf die Straße und lösten so die Februarrevolution aus; sie demonstrierten unter der Losung: ‚Brot! Nieder mit dem Krieg! Nieder mit dem Absolutismus!‘ Gleichzeitig traten die Arbeiter der wichtigsten Rüstungsbetriebe in den Streik und zogen in die Stadt. In den nächsten Tagen wuchs die Zahl der Streikenden und Demonstrierenden zu einer Lawine an. Die Revolution begann. Die Bauern im Soldatenrock liefen auf die Seite der Arbeiter über.[iii]

I

Wirtschaftliche Gerechtigkeit – Weltpolitischer Friede – Veränderung der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Nicht weniger ruft uns alle der 8. März in Erinnerung. Erschreckend, wie aktuell das nach 108 Jahren noch ist. Erschreckend auch, wie rückwärtsgewandt in diesen Tagen der Diskurs um die Frauenrechte ist.

Schauen Sie auf die Zahlen der Bundestagsabgeordneten: Noch nicht mal ein Drittel (32,4%)[iv] sind Frauen. In den DAX-Vorständen ist nur jede 4. Eine Frau[v]. Und zugleich boomen auf Instagram und TikTok Positionen junger Frauen, die sich unter dem Hashtag Stay-at-home-Girlfried (#SAHG) positionieren. Zu Haus bleiben, sich und das Heim schön machen und halten, bis der Boyfriend nach Hause kommt und genießen kann. Eine aktuelle Untersuchung der Dating-Formate Bachelor und Bachelorette[vi] ergab eine Fortschreibung heteronormativer Geschlechterstereotypen als wäre man im 19. Jahrhundert stehen geblieben: Männer sind sportlich, stark, testosterongeteuert, sind Ernährer, Beschützer, Dating-aktiv. Frauen werden als Dating-passiv, gefährdet und vorallem auf Äußerlichkeiten bezogen dargestellt. Beim Mann ist Konkurrenz sportlicher Wettstreit, bei den Frauen Zickenkrieg.

Wir schreiben das Jahr 2025. Und die Stereotypen sind noch sehr stark und werden zu eigenem Vorteil von Männern, leider auch von Frauen weitergetragen. Die Erkenntnis, beim Talk um Gleichberechtigung für Frauen am Arbeitsmarkt, ist auch, dass wer von Frauenrechten reden will, über das ungerechte kapitalistische Wirtschaftssystem und die entsprechende Politik nicht schweigen darf. Das hat Frauen 1917 auf die Straßen getrieben und gilt noch heute. Und wenn die Parteien Schwierigkeiten haben Kandidatinnen z.B. in Hannover für das Amt der Oberbürgermeisterin zu finden, weil das System zu chauvinistisch ist, spricht das nicht gegen die Frauen. Wohl aber gegen eine Politik, in denen der männlich bewertende Blick die Norm setzt.

 

II

Schaue ich Öznur Canservers Bilder an, entdecke ich keine Agitprop-Malerei, kein Aufschrei, keine offensichtliche Wut. Malerisch bewegt sich die Künstlerin nüchtern zwischen Neuer Sachlichkeit und Leipziger Schule mit surrealen Zitaten. Es sind Bilder, die den zweiten Blick brauchen, um gesehen zu werden – wie die Frauen als Motive.

Aus drei Werkgruppen hängen Bilder.

Frauen mit Einkaufstüten über dem Kopf gestülpt.

Eine Bankangestellte berichtete mir für meine Doku über Kriminalitätsopfer, dass die schlimmste Erfahrung für sie die über den Kopf gestülpte Einkaufstüte war, mit der sie gefesselt vierundzwanzig Stunden auf dem Teppichboden der Bankfiliale Berlin-Schlachtensee lag. Ausgeliefert. Blind. Jedes Geräusch, dass sie mangels Sicht nicht einordnen konnte, gefühlt lebensbedrohlich. Unerträglich für sie, später in den Zeitungen über die als gewieft und clever gefeierten Bankräuber zu lesen.

Die Tüte über dem Kopf nimmt sowohl den Blick, wie auch das Gesicht, die Identität. Dieses surreale Element in der Reihe verweist darauf, wie Frauen Rollen, Zuschreibungen, Stereotype übergestülpt werden. Es sind Frauen mit Migrationshintergrund, in dieser Reihe türkische Gastarbeiterinnen der 1. oder 2. Generation. Und die Bilder setzen ihre Erinnerungen um, was es heißt, so – als Türkin, Gastarbeiterin oder Gastarbeiterkind gelabelt zu werden. Und hier wird die Tüte bitter Öznur Cansever: Erinnerungen weiterlesen

Yohei Yashima: Spuren des Wandels

Galerie LortzingART | Hannover | 3. bis 19 . Juli 2019

Bei Einführungen in das Werk eines Künstlers bieten sich meist drei Zugängen alternativ an: Man kann sich den Arbeiten kunsthistorisch nähern, d.h. die künstlerische Position versuchen in die Geschichte der Kunst einzubetten, Parallelen, Vorläufer, Absetzbewegung und Schulzuordnungen zu wählen; oder man kann sich biografisch nähern, was – gegenwärtig zu erleben in der Feuilletondiskussion um Emil Nolde, Neo Rau und rechte politische Positionen bei Vertretern der Leipziger Schule – immer problematisch ist, weil evtl. biografische Erkenntnis mit Kriterien künstlerischer Qualität verwechselt werden; ohne leugnen zu wollen, dass biografische Einflüsse bedeutsam sein können und die rein werkimmanente Analyse evtl. Erkenntnisgewinne verschenkt. Der Missbrauch des biografischen Argumentes bleibt allerdings eine Gefahr: Das Nitzsche wichtige Texte in einer medizinisch zu erklärenden hochproduktiven Phase seiner Syphilis-Erkrankung schrieb, wurde schnell von Gegner benutzt – auch um sich mit diesen als krank bezeichneten Texten nicht auseinandersetzen zu müssen. Biografie hilft zu verstehen, setzt aber keine Qualitätskriterien. Qualität bemisst sich in der bildenden Kunst, meiner Überzeugung nach, neben allen handwerklichen Maßstäben auch in ihrer transkulturellen Verständlichkeit und gesellschaftlichen, ästhetischen Relevanz. Diesen Kontext zu erläutern, eröffnet Wege zur künstlerischen Position und lässt ein Höchstmaß an eigenem Entdecken zu.

Puppen

In Yohei Yashimas Atelier stehen überall, fein arrangiert, Puppen: vierfach die winkende Queen, Putti, japanische Püppchen, Figuren. Und dieses Puppen finden sich auch häufig in seinen Arbeiten. Tatsächlich mag der 1985 in Shimane (Japan) geborene Künstler – Puppen. Aber, sie sind auch in der japanischen Gesellschaft und nicht nur bei Kindern sehr präsent: von Kinderspielzeug bis zur Kleidung, als Illustrationen bei Behörden wie im Geschäftsbereich. Die niedlichen Puppengesichter, denken Sie an die Katzen-Puppen-Gesichter von Hallo Kitty, haben einer in Japan weit verbreiteten Haltung einen Namen gegeben: kawaii. Kawaii steht für niedlich, gefällig, süß, liebenswert, kindlich. Selbst erwachsene japanische Frauen, beschreiben Soziologen und Kulturkritiker, wollen kawaii, irgendwie niedlich, sein.[i] Auch in Westeuropa haben Püppchen, Puppen etwas niedliches, verweisen aber entschiedener auf Kindheit. In der Umsetzung Yashimas Arbeiten verlieren die Puppen als Motiv die Unbeschwertheit, die Puppen in beiden Kulturkreisen anhaftet, sogar dann noch, wenn Yashima ihnen eine eigentlich lustig wirken müssende Pappnase verpasst, die aber auch einen agrressiven Charakter hat, wie sie hackt, angreift, verschlingt und getupft ist wie ein toxischer Pilz. Die Puppen ersetzen Personen, Menschen. Yashima verfremdet um zu entpersonalisieren. Denn die Bilder stehen auch in Bezug zu seiner Biografie – aber sie haben eine über seine Person und sein Lebensumfeld hinausgehenden Anspruch. Was auffällt, dass die Puppen alleine sind. Sie stehen allein da, lehnen wie weggelegt oder Stütze suchend an der Wand, sind mit der spitzen Pappnase in den Boden gerammt, werden von einer Hand ausgebremst. Und selbst die kleine Jungenpuppenfigur, die mit dem Kopf an der Wand lehnt, im Schatten eines darüber gestellten Polaroids, wird ambivalent als einerseits geschützt vor der Sonne im Schatten stehend wahrgenommen, wie auch andererseits als bedroht vom Foto und seinem Motiv. Im Deutschen gibt es den schönen Ausdruck, dass ein (traumatisches) Ereignis jemanden und sein Erleben überschattet, oder jemand im Schatten von etwas oder jemandem steht, also nicht eigenständig und in seiner umfassenden Persönlichkeit und seinem Vermögen von anderen wahrgenommen wird. Verloren. Fremd.

Verzweifelt. Schutzbedürftig. So wirkt auf diesem Bild die kleine Puppe. Im Atelier bewahrt Yashima das Foto auf, dass er hier über die Figur gelehnt hat. Es zeigt den kleinen Yohei, der im Grundschulalter in die Klinik für eine Operation am Ohr musste im Kreis anderer Kinderpatienten. Er hat sich dort unwohl, fremd und einsam gefühlt. Gefühle, die ihn auch später häufig belegt und beschäftigt haben. „Mich interessiert wie Sorgen und Leiden Menschen bewegen und prägen.“[ii], benennt der Künstler selbst eine Motivation seines künstlerischen Schaffens. Yohei Yashima hat in Kyoto an der Saga University of Arts und an der Hiroshima City University Bildende Kunst studiert. Eine Zeitlang hat er in Japan mit Behinderten gearbeitet, Kindern wie Erwachsenem, körperlich wie geistig Behinderten. Und er erlebte, wie isoliert sie von der Gesellschaft blieben und wie sie auf Distanz gehalten wurden. Wie sie – auch als Erwachsene – von oben herab angeschaut wurden, infantilisiert. In seinen eigenen dunklen Phasen hat er farblich dunkle Selbstportraits gemalt, die von Betrachtern als zu dunkel, zu abweisend, wenig zugänglich erlebt wurden. Die scheinbare Verniedlichung, die Verfremdung über Puppen führt nun zu einem auf den ersten Blick leichteren Zugang. Im zweiten schaudert einen bei der Verlorenheit und Bedürftigkeit der Figuren und zugleich überrascht die heitere, kindliche aber nicht kindische Seite der Motive. Keinesfalls kaweii.

Ambiguitätstoleranz

Für mich liegt die große Stärke der Arbeiten Yoheis Yashimas in der Herausforderung an den Betrachter diese Ambiguität auszuhalten. Erwachsenwerden bedeutet auch zu erkennen, dass man nicht leidfrei, nicht unbelastet, nicht sorgenfrei durch das Leben kommt. Paradise lost ist das Erleben des Endes der unschuldigen Kindheit. Es gibt eine Bewegung, die das so furchtbar findet, dass sie ihre Eltern anklagt, sie überhaupt geboren zu haben. Diese Antinatalisten ertragen weder Welt noch Erwachsensein und haben zur eigenen Entlastung einen Schuldigen am Leiden ihrer Existenz gefunden: die Eltern.[iii] Und für die anderen? Da bleibt die Aufgabe, die Ambiguiät auszuhalten. Ambiguität – das Phänomen der Mehrdeutigkeit und Offenheit – wird als belastend, als mühsam, als schwierig auszuhalten empfunden. Unbekanntes löst Ängste aus. Ambiguität ist das Gegenteil von Eindeutigkeit und lässt zu, dass Wahrheitsbegriffe und Lebenserfahrungen und Lebensdeutungen schillern, nicht absolut zu sehen und zu verstehen sind; wo der eine Vielfalt sieht, erkennt der andere Bedrohung. „Es ist also Menschenschicksal, mit Ambiguität leben zu müssen“[iv], stellt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer fest und beklagt ein Zuwenig an Ambiguitätstoleranz. Keine Frage: Widersprüchlichkeit, Fremdes, Anderes ist unbequem und – ich behaupte – jeder und jede versuchen auch aus sehr pragmatischen Gründen alltäglich eine Ambiguitätszähmung – und dennoch sind Leben und Welt vielschichtig und widersprüchlich. Auch Leidvoll.

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Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch Die Errettung des Schönen von der Ästhetik der Verletzung. Was meint das? Zuerst ist es ein Abschied von einer ästhetischen Position der Gegenwart, die das Schöne im Gefälligen und Glatten sieht, das Glatte zur „Signatur der Gegenwart“[v] macht. Schönheit als Aufgabe der Kunst wäre dann bereits bei großen und unbestrittenen Arbeiten der Kunstgeschichte, die menschliches Leiden thematisieren, wie bei Grünewald, Goya, Kollwitz keine Kategorie mehr – und die Verwirklichung des Schönen wird seit der Antike als Aufgabe der Kunst gesehen. Das Leidvolle, das Verletzte künstlerisch umzusetzen, bedeutet, es zuerst in den Blick zu nehmen: „Das Sehen im empathischen Sinn ist aber immer anders sehen, das heißt erfahren. Man kann nicht anders sehen, ohne dass man sich einer Verletzung aus|setzt. Das Sehen setzt die Verwundbarkeit voraus. Sonst wiederholt sich das Gleiche. Sensibilität ist Vulnerabilität. Die Verletzung ist, so könnte man auch sagen, das Wahrheitsmoment des Sehens.“[vi] Diese von Han beschrieben Fähigkeit des empathischen Sehens prägen die Arbeiten von Yohei Yashima. Und in der künstlerischen Umsetzung und dem Wahrnehmungsprozess des Betrachters und der Betrachterin, verändert Kunst den Wahrnehmunngsprozess. Wenig kann Kunst mehr als aus dem Sehen zum Angerührt werden und zur Reflexion zu führen und dadurch zu Bewegungen, seelischen wie politisch handelnden, aus der vita contemplativa vor der Kunst stehend und betrachtend zur vita activa in Leben und Gesellschaft –  und so kann Kunst auch den Betrachter selbst verändern.[vii] Glücklich, wer aus einer Ausstellung anders herauskommt, als er hineingegangen ist.

Der Andere

Das empathische Sehen ist Ausgangspunkt menschlicher Kommunikation. Wer aber den andere anschaut, ihn in den Blick nimmt, der legt ihn auch fest.[viii] Zur Offenheit und Empathie gehört dabei auch, sich immer wieder neu auf den anderen einzulassen und das Bild, das man sich von ihm oder ihr gemacht hat, zu korrigieren; dazu gehört aber auch die Offenheit des Anderen zu kommunizieren und sich zu öffnen. Ein nicht immer gelingender, ein nicht immer einfacher Akt. In seinen letzten beiden, noch unvollendeten Arbeiten, Portraits von sich und seiner Schwester, erleben die Betrachter diese Schwierigkeiten. Beide Portraitierte haben Masken vor den Augen, schützen sich damit und verstecken sich – lassen offene Kommunikation nur begrenzt zu. Und auch Yoheis Maske des barmherzigen Buddha bleibt am Ende Maske. Die biografische Situation dahinter war die depressive Erkrankung seiner Schwester, an die er in dieser Zeit nicht mehr emotional und kommunikativ herankam. Subtil und anrührend geben diese beiden noch unvollendeten Bilder einen Ausblick in die kommenden Arbeiten von Yohei Yashima, auf die ich sehr gespannt bin. Seine künstlerische Heransgehensweise an Menschen und Gesellschaft haben mich berührt in ihrer Verletzlichkeit und Ehrlichkeit. In einer Gesellschaft der Selfieproduktion mit dem Versuch, die Definitionsmacht über das eigene Äußere, die Erscheinung, das eigene Bild zu halten, thematisieren diese Bilder den externen Blick und die Behinderung der Kommunikation durch das Festhalten am eigenen Bild.

Wilfried Köpke 


[i] Vgl. Sybilla Patrizia: Fotos von Japans kompliziertem Verhältnis zu Niedlichkeit, Vice, 16. Februar 2017, https://www.vice.com/de/article/wn787m/fotos-von-japans-kompliziertem-verhaltnis-zu-niedlichkeit [30.06.2019]

[ii] Yohei Yashima im Gespräch mit dem Autor am 26. Juni 2019 in Hannover.

[iii] Vgl. Nina Pauer: Los, komm, wir sterben endlich aus! In: DIE ZEIT No. 27, 27.06.2019, S. 41.

[iv] Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart 102019, S. 13.

[v] Byung-Chul Han: Die Errettung des Schönen, Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, S. 9.

[vi] Byung-Chul Han: Die Errettung des Schönen, Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, S. 44f.

[vii] Vgl. zur Rolle der Kunst und dem Wahrnehmungsprozess auch: Wolfgang Welsch: Wahrnehmung und Welt, Berlin (Mathes & Seitz) 2018, S. 68-73.

[viii] Vgl. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Reinbek (Rowohlt) 1991, S. 457-538.