Daniel Enkauoa in der Galerie Koch (bis 21. März 2026)
Junge Erwachsene – seine Kinder, Landschaften, Wassermelonen und Mangold. Das malt Daniel Enkaoua, das sehen Sie hier. So ausgesprochen, wirkt es beinahe banal. Zugleich beginnt mit dem Betreten der Galerie und mit dem ersten Blick auf das Bild Aure, la main posée sous le visage (Aure, das die Hand unter dem Gesicht) der Zauber dieser Bilder eines Ausnahmemalers zu wirken.
Vor zwölf Jahren bin ich den Arbeiten Daniel Enkaouas das erste Mal begegnet. Die Galerie Koch hatte unter dem Titel ROT eine Arbeit von ihm präsentiert, die seine Tochter Aure als Mädchen zeigte, das den rot gefütterten Mantel seiner Mutter Sarah trug: Aure et le mantau de Sarah. Daneben waren Arbeiten von Lyonel Feininger, Sam Francis, Ernst Ludwig Kirchner, Niki de Saint Phalle u.a. zu sehen. Fasziniert war ich von der Enkaoua-Arbeit. Irgendwann hing sie im Fenster. Ich fuhr ein paar Mal vorbei. Zeigte sie einer Kollegin, bevor wir gegenüber im Al Dar essen gingen. Ich kam nochmal in die Galerie, nur für dieses Bild. Es zog mich magisch an. Und das ging mir in der Folge mit vielen Bildern Daniel Enkaouas so.
Auf diese Magie möchte ich sie als vademecum zur Entdeckung dieser Bilder hinweisen. Auf die Magie. Die Magie der Malerei Daniel Enkaouas, die Magie seiner Motive, die Magie des Lebens. Darunter geht es nicht.
Magie der Malerei
Was auffällt, schon beim ersten Bild, der liegenden Aure gleich gegenüber der Tür, ist die Kraft der Farben. Hier ein kräftiges Gelb neben einem starken Violett und Pinselstriche, die man aus der Nähe sieht. Kräftig, energisch. Der Malvorgang wird nicht verborgen. Farben liegen in der Nähe so nebeneinander, dass ich das Motiv als Betrachter verliere. „…und in der Distanz geschieht das Wunder, der Witz (…) der gleitende Vorgang der Transsubstantiation, bei dem Farbe Farbe ist“, aber auch Bewegung, Dynamik und Kommunikation, Bedrohung und Auflösung: „Der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr ist“. Vgl. Donna Tartt (2013): Der Distelfink, S. 1016.() In der Ferne fügt sich das Bild wieder zusammen und aus dem diversen Einzelnen wird eines, ein Motiv, ein Bild. Diese Dynamik greift unabhängig von den Größen der Bilder – Daniel Enkaoua beherrscht das kleine Kabinettstück wie die große Leinwand meisterhaft – und sie funktioniert in ihrer Kraft selbst bei den ruhigen und leisen Motiven, wie den Bildern seiner liegenden Kinder.
Mich selbst hat das überrascht. Und im Vorgespräch habe ich den Gegensatz zwischen den vulnerablen Motiven und den kräftigen, bei einigen Arbeite auch pastosen Pinselstrichen, thematisiert. Für den Maler war das kein Gegensatz. Und er sah die liegenden Kinder auch nicht als verletzlich, sondern eher als zart. Die Kraft der Farben und der Malgestus halten sie auf jeden Fall dynamisch und, so betont Daniel Enkaoua vor drei Jahren in einer eMail an Annette Brunner: „Farben sind der Duft der Existenz. Und das bedeutet hier eine große Lebendigkeit.
Zudem hat der rasche Pinselstrich auch eine technische Komponente. Manchmal muss es schnell gehen. Nicht nur weil die Kinder mittlerweile aus dem Haus sind und nun nur manchmal noch als Modelle zur Verfügung stehen. Bei den Landschaften auch deshalb, weil sich das Licht laufend ändert.
Die Landschaftsbilder aus der Toscana, hier hängt eines und oben noch eine Reihe weiterer, hat Daniel Enkaoua im vergangene Sommer in zehn Tagen gemalt. Plein air – so auch der Titel dieser Ausstellung. In der Toskana wechselte das Licht stündlich und Daniel Enkaoua kämpft mit diesem Lichtwandel, dem Farbenspiel: „Es war eine Explosion, eine totale Explosion vom Morgen bis zum Abend. Und ich habe zehn Tage tagtäglich gemalt, von morgens bis abends und anschließend war ich völlig fertig und konnte meine Arme nicht mehr bewegen“. Der Maler setzt sich den Landschaften aus, die er malt, er geht in den Dialog mit Licht, Wetter und Farben, um sie vor Ort auf der Leinwand umzusetzen.
Die Impressionisten hatten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die plein-air Malerei forciert, entgegen aller akademischen Tradition, dass das gute Bild im Atelier zu entstehen habe. Weniger Atelierkomposition als unmittelbarer Ausdruck. In der Betrachtung der Bilder trifft dann das Empfinden Betrachters auf den Empfindungsausdruck des Malers. „Es sind Bilder, die es weniger zu verstehen als zu genießen gilt – ein Wunsch, der wenig später auch die Expressionisten berauschte (…).“ (Kyllikki Zacharias (2015): Im Grünen, in: Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende. München (Hirmer) S. 137). Diese im malerischen Gestus vermittelte Unmittelbarkeit finden wir nicht nur bei den Landschaften und Portraits, sondern auch bei den im Atelier entstandenen Stillleben, obwohl sie geplanter, gesetzter und mit mehr Zeit entstehen.
Es bleibt auch hier die Magie im künstlerischen Entstehungsprozess. Daniel Enkaoua erläutert 2022 in einer eMail an Anette Brunner: „Bevor ich mein Atelier betrete, scheint es ein ganz normaler Tag zu sein, aber sobald ich meine Palette und meine Pinsel in die Hand nehme, wird dieser Tag durch den Malprozess transzendiert.“
Magie der Motive
Landschaften, seine Kinder, Obst und Gemüse. Mehr alltäglich als magisch. Doch die Motive verweisen auf eine darüber hinausweisende Dimension, den durch den „Malprozess transzendierten“ Tag.
In den Landschaften verfolgt der Künstler ein Programm, ausgehend von der Wahrnehmung der romantisierenden oder glorifizierenden Gemälden der israelischen Landschaft, er hat dort beinahe zwanzig Jahre gelebt und gelernt, entdeckte er die Parallelen zu Landschaften im gesamten Mittelmeerraum und will sie im Lauf der Jahre malerisch erkunden. Vergangenes Jahr die Toscana.
Und dann die Portraits seiner Kinder. Auf dem Boden liegend, den Rücken abgewandt, beim Lesen. Als Betrachter begegne ich ihnen in privaten Momenten. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl des voyeuristischen Eindringlings. Ich komme gar nicht auf die Idee, eine Diskussion anzuzetteln wie sie vor Jahren bei Balthus und seinen jungen Modellen geführt wurde oder, einige erinnern sich vielleicht noch an die Ausstellung Der Blick auf Fränzi und Marcella: Zwei Modelle der Brücke-Künstler Heckel, Kirchner und Pechstein, die Ulrich Krempel 2010 im Sprengel-Museum feinfühlig einführte, weil kurz zuvor der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg, einer Jesuitenschule in Berlin, an die Öffentlichkeit gedrungen war. Nichts davon in Enkaouas Bildern. Sie sind privat, persönlich, aber nie entblößend. Daniel Enkaoua wendet sich den Motiven zu und malt sie als künstlerische Inspiration, nicht als Projektionen seiner (väterlichen) Gefühle. So scheint es mir, und er selbst schreibt dazu an Anette Brunner: „Als Maler bin ich nicht von meiner Stimmung abhängig. Natürlich habe ich während des Malens Gefühle, aber ich glaube nicht, dass diese meine Bilder beeinflussen. Das stärkste Gefühl, das mich beim Malen leitet, ist, dass mir der Malprozess die Augen für die Schönheit der Welt, für ihren Reichtum und ihre Komplexität öffnet.“
Wahrscheinlich ist es das. Die Modelle sind Aure und Natan und Liel. Und zugleich sind sie mehr: Ausdruck einer bestimmten Haltung, eines Lebensgefühls, eines Momentes der Versunkenheit, des Bei-sich-seins, de Groß-sein-Wollens und Zögerns. Und so wird ein Satz aus den Essaies Michel de Montaignes in den Bildern Daniel Enkauos wahr: „Jeder Mensch trägt die ganze Gestalt des Menschseins in sich.“ (E III,2).
Vor zwölf Jahren konnte ich mich der Magie der Aure im viel zu großen Mantel ihrer Mutter nicht entziehen. Ich saß einige Minuten hier in der Galerie davor. Es war mein Bild. Mein Lebensgefühl. Passte mein Mantel (der Habitus angelehnt an Pierre Bourdieu) oder war er zu groß. Wuchs ich rein oder war ich ein Gernegroß? Und es verändert sich meine Wahrnehmung de Bildes seit Jahren immer ein wenig, changierend zwischen zuversichtlich und furchtsam, neugierig und zurückgezogen, geborgen und unbehaust. Die Lebensdialektik des Sowohl-als-auch.
Enkaouas Bilder referieren auf den universellen Code des Menschseins – das ist viel in unserer fragmentierten Welt der kleinen Wohlfühl-Bubbles.
Und die Wasser- und Honigmelonen? Der Mangold? Daniel Enkaoua dazu im Vorgespräch am 8. Januar d. J.:„Die alltäglichen Dinge sind Reflektionen unserer selbst“. Und darin haben sie eine eigene Würde. Die übergroß wirkenden Melonen hier an der Seite (La Pastèque et le melon) sind naturgroß. Wir schauen als Betrachter auf sie drauf, sie sind geteilt, aufgeschnitten, eine halbe Wassermelone fehlt bereits. Der diffuse Hintergrund lässt den Blick auf den Melonen, als beobachteten wir eine Szene, ein Gespräch, einen Dialog. Es geht narrativ weiter als nur eine Abbildung. Es führt weiter in die Magie des Alltags, die…
Magie des Lebens
„Malen bedeutet, die Welt zu erkunden, Farben sind der Duft der Existenz.“, schreibt Daniel Enkaoua an Annette Brunner und mir sagt er am Ende des Gesprächs, angesprochen auf die neue, heftigere, bewegte Strichführung und die defensivere Farbigkeit. „La vie. C’est la vie, c’est la vie. Je peins la vie.“ (Das Leben. Das ist das Leben, das ist das Leben. Ich male das Leben.) Ja. Und zugleich passiert mehr. Dass Kunstwerke manchmal größer sind als die sie erschaffenden Künstler:innen, betonen Künstler und Kunsthistorikerinnen gerne. Das liegt bereits am Rezeptionsprozess, der weiter gehen kann als die Lebensrealität der Schaffenden.
Doch braucht es auch zwingend die Offenheit für den Blick dazu und die ästhetische Kraft. Beides finde ich in den Bildern Daniel Enkaouas.
Und dabei weisen die Bilder auf eine darüber hinausreichende, spirituelle Dimension: „Ein Akt des Dankes vielleicht,“ wie der Belgische Schriftsteller Grégoire Polet in seinem Text über die Arbeiten Enkaouas vermutet, „doch gefangen in einem beunruhigenden Gefühl der Not, oft zerbrechlich und verletzlich, unmöglich zu formulieren, kraftvoll und ergreifend. Ein zerbrechliches Gebet, überrascht und beharrlich, das bei der geringsten Berührung anklingt und uns alle, jeden und zu jeder Zeit, von Herz zu Herz, an unsere tief empfundene persönliche Verantwortung erinnert.“ ( Grégoire Polet: On some of Daniel Enkaoua’s Paintings, in: Daniel Enkaoua, Works, Barcelona (2015) S. 37 – 39, hier S. 39).
In der jüdischen Theologie nach der Shoah, dem Versuch der systematischen, industriellen Vernichtung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus, wird diese Zuwendung zum Leben in seiner Fragilität als Heiligung des Lebens zur lebensbejahenden Disziplin. Das Leben zu lieben ist fruchtbarer, scheint gebotener als das Martyrium.
Und mir scheint, es ist das, was die Bilder bei uns als Betrachter anrühren: Daniel Enkaoua lässt in seinen Bildern Würde und Magie des Lebens aufscheinen. Mehr geht kaum.
