Die neue LiteraTour Nord hat begonnen. Sechs Schriftstellerinnen und Schriftsteller bewerben sich um den Preis der VGH. Alle Termine der Lesereise finden Sie hier: http://www.literatournord.de/lesereise.html.
Nächste Lesung mit Moderation von Wilfried Köpke am 14. November 2019, 19:30 Uhr im Literaturhaus Hannover: Isabel Fargo Cole: Das Gift der Biene.
Bei Einführungen in das Werk eines Künstlers bieten sich meist
drei Zugängen alternativ an: Man kann sich den Arbeiten kunsthistorisch nähern,
d.h. die künstlerische Position versuchen in die Geschichte der Kunst
einzubetten, Parallelen, Vorläufer, Absetzbewegung und Schulzuordnungen zu
wählen; oder man kann sich biografisch nähern, was – gegenwärtig zu erleben in
der Feuilletondiskussion um Emil Nolde, Neo Rau und rechte politische
Positionen bei Vertretern der Leipziger Schule – immer problematisch ist, weil
evtl. biografische Erkenntnis mit Kriterien künstlerischer Qualität verwechselt
werden; ohne leugnen zu wollen, dass biografische Einflüsse bedeutsam sein
können und die rein werkimmanente Analyse evtl. Erkenntnisgewinne verschenkt.
Der Missbrauch des biografischen Argumentes bleibt allerdings eine Gefahr: Das
Nitzsche wichtige Texte in einer medizinisch zu erklärenden hochproduktiven
Phase seiner Syphilis-Erkrankung schrieb, wurde schnell von Gegner benutzt – auch
um sich mit diesen als krank bezeichneten Texten nicht auseinandersetzen zu
müssen. Biografie hilft zu verstehen, setzt aber keine Qualitätskriterien.
Qualität bemisst sich in der bildenden Kunst, meiner Überzeugung nach, neben
allen handwerklichen Maßstäben auch in ihrer transkulturellen Verständlichkeit
und gesellschaftlichen, ästhetischen Relevanz. Diesen Kontext zu erläutern,
eröffnet Wege zur künstlerischen Position und lässt ein Höchstmaß an eigenem
Entdecken zu.
Puppen
In Yohei Yashimas Atelier stehen überall, fein arrangiert, Puppen: vierfach die winkende Queen, Putti, japanische Püppchen, Figuren. Und dieses Puppen finden sich auch häufig in seinen Arbeiten. Tatsächlich mag der 1985 in Shimane (Japan) geborene Künstler – Puppen. Aber, sie sind auch in der japanischen Gesellschaft und nicht nur bei Kindern sehr präsent: von Kinderspielzeug bis zur Kleidung, als Illustrationen bei Behörden wie im Geschäftsbereich. Die niedlichen Puppengesichter, denken Sie an die Katzen-Puppen-Gesichter von Hallo Kitty, haben einer in Japan weit verbreiteten Haltung einen Namen gegeben: kawaii. Kawaii steht für niedlich, gefällig, süß, liebenswert, kindlich. Selbst erwachsene japanische Frauen, beschreiben Soziologen und Kulturkritiker, wollen kawaii, irgendwie niedlich, sein.[i] Auch in Westeuropa haben Püppchen, Puppen etwas niedliches, verweisen aber entschiedener auf Kindheit. In der Umsetzung Yashimas Arbeiten verlieren die Puppen als Motiv die Unbeschwertheit, die Puppen in beiden Kulturkreisen anhaftet, sogar dann noch, wenn Yashima ihnen eine eigentlich lustig wirken müssende Pappnase verpasst, die aber auch einen agrressiven Charakter hat, wie sie hackt, angreift, verschlingt und getupft ist wie ein toxischer Pilz. Die Puppen ersetzen Personen, Menschen. Yashima verfremdet um zu entpersonalisieren. Denn die Bilder stehen auch in Bezug zu seiner Biografie – aber sie haben eine über seine Person und sein Lebensumfeld hinausgehenden Anspruch. Was auffällt, dass die Puppen alleine sind. Sie stehen allein da, lehnen wie weggelegt oder Stütze suchend an der Wand, sind mit der spitzen Pappnase in den Boden gerammt, werden von einer Hand ausgebremst. Und selbst die kleine Jungenpuppenfigur, die mit dem Kopf an der Wand lehnt, im Schatten eines darüber gestellten Polaroids, wird ambivalent als einerseits geschützt vor der Sonne im Schatten stehend wahrgenommen, wie auch andererseits als bedroht vom Foto und seinem Motiv. Im Deutschen gibt es den schönen Ausdruck, dass ein (traumatisches) Ereignis jemanden und sein Erleben überschattet, oder jemand im Schatten von etwas oder jemandem steht, also nicht eigenständig und in seiner umfassenden Persönlichkeit und seinem Vermögen von anderen wahrgenommen wird. Verloren. Fremd.
Verzweifelt. Schutzbedürftig. So wirkt auf diesem Bild die kleine Puppe. Im Atelier bewahrt Yashima das Foto auf, dass er hier über die Figur gelehnt hat. Es zeigt den kleinen Yohei, der im Grundschulalter in die Klinik für eine Operation am Ohr musste im Kreis anderer Kinderpatienten. Er hat sich dort unwohl, fremd und einsam gefühlt. Gefühle, die ihn auch später häufig belegt und beschäftigt haben. „Mich interessiert wie Sorgen und Leiden Menschen bewegen und prägen.“[ii], benennt der Künstler selbst eine Motivation seines künstlerischen Schaffens. Yohei Yashima hat in Kyoto an der Saga University of Arts und an der Hiroshima City University Bildende Kunst studiert. Eine Zeitlang hat er in Japan mit Behinderten gearbeitet, Kindern wie Erwachsenem, körperlich wie geistig Behinderten. Und er erlebte, wie isoliert sie von der Gesellschaft blieben und wie sie auf Distanz gehalten wurden. Wie sie – auch als Erwachsene – von oben herab angeschaut wurden, infantilisiert. In seinen eigenen dunklen Phasen hat er farblich dunkle Selbstportraits gemalt, die von Betrachtern als zu dunkel, zu abweisend, wenig zugänglich erlebt wurden. Die scheinbare Verniedlichung, die Verfremdung über Puppen führt nun zu einem auf den ersten Blick leichteren Zugang. Im zweiten schaudert einen bei der Verlorenheit und Bedürftigkeit der Figuren und zugleich überrascht die heitere, kindliche aber nicht kindische Seite der Motive. Keinesfalls kaweii.
Ambiguitätstoleranz
Für mich liegt die große Stärke der Arbeiten Yoheis Yashimas in
der Herausforderung an den Betrachter diese Ambiguität auszuhalten.
Erwachsenwerden bedeutet auch zu erkennen, dass man nicht leidfrei, nicht
unbelastet, nicht sorgenfrei durch das Leben kommt. Paradise lost ist das Erleben des Endes der unschuldigen Kindheit.
Es gibt eine Bewegung, die das so furchtbar findet, dass sie ihre Eltern
anklagt, sie überhaupt geboren zu haben. Diese Antinatalisten ertragen weder
Welt noch Erwachsensein und haben zur eigenen Entlastung einen Schuldigen am
Leiden ihrer Existenz gefunden: die Eltern.[iii]
Und für die anderen? Da bleibt die Aufgabe, die Ambiguiät auszuhalten. Ambiguität
– das Phänomen der Mehrdeutigkeit und Offenheit – wird als belastend, als
mühsam, als schwierig auszuhalten empfunden. Unbekanntes löst Ängste aus.
Ambiguität ist das Gegenteil von Eindeutigkeit und lässt zu, dass
Wahrheitsbegriffe und Lebenserfahrungen und Lebensdeutungen schillern, nicht
absolut zu sehen und zu verstehen sind; wo der eine Vielfalt sieht, erkennt der
andere Bedrohung. „Es ist also Menschenschicksal, mit Ambiguität leben zu
müssen“[iv],
stellt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer fest und beklagt ein Zuwenig an
Ambiguitätstoleranz. Keine Frage: Widersprüchlichkeit, Fremdes, Anderes ist
unbequem und – ich behaupte – jeder und jede versuchen auch aus sehr
pragmatischen Gründen alltäglich eine Ambiguitätszähmung – und dennoch sind
Leben und Welt vielschichtig und widersprüchlich. Auch Leidvoll.
Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch Die Errettung des Schönen von der Ästhetik der Verletzung. Was meint das? Zuerst ist es ein Abschied von einer ästhetischen Position der Gegenwart, die das Schöne im Gefälligen und Glatten sieht, das Glatte zur „Signatur der Gegenwart“[v] macht. Schönheit als Aufgabe der Kunst wäre dann bereits bei großen und unbestrittenen Arbeiten der Kunstgeschichte, die menschliches Leiden thematisieren, wie bei Grünewald, Goya, Kollwitz keine Kategorie mehr – und die Verwirklichung des Schönen wird seit der Antike als Aufgabe der Kunst gesehen. Das Leidvolle, das Verletzte künstlerisch umzusetzen, bedeutet, es zuerst in den Blick zu nehmen: „Das Sehen im empathischen Sinn ist aber immer anders sehen, das heißt erfahren. Man kann nicht anders sehen, ohne dass man sich einer Verletzung aus|setzt. Das Sehen setzt die Verwundbarkeit voraus. Sonst wiederholt sich das Gleiche. Sensibilität ist Vulnerabilität. Die Verletzung ist, so könnte man auch sagen, das Wahrheitsmoment des Sehens.“[vi] Diese von Han beschrieben Fähigkeit des empathischen Sehens prägen die Arbeiten von Yohei Yashima. Und in der künstlerischen Umsetzung und dem Wahrnehmungsprozess des Betrachters und der Betrachterin, verändert Kunst den Wahrnehmunngsprozess. Wenig kann Kunst mehr als aus dem Sehen zum Angerührt werden und zur Reflexion zu führen und dadurch zu Bewegungen, seelischen wie politisch handelnden, aus der vita contemplativa vor der Kunst stehend und betrachtend zur vita activa in Leben und Gesellschaft – und so kann Kunst auch den Betrachter selbst verändern.[vii] Glücklich, wer aus einer Ausstellung anders herauskommt, als er hineingegangen ist.
Der Andere
Das empathische Sehen ist Ausgangspunkt menschlicher
Kommunikation. Wer aber den andere anschaut, ihn in den Blick nimmt, der legt
ihn auch fest.[viii]
Zur Offenheit und Empathie gehört dabei auch, sich immer wieder neu auf den
anderen einzulassen und das Bild, das man sich von ihm oder ihr gemacht hat, zu
korrigieren; dazu gehört aber auch die Offenheit des Anderen zu kommunizieren
und sich zu öffnen. Ein nicht immer gelingender, ein nicht immer einfacher Akt.
In seinen letzten beiden, noch unvollendeten Arbeiten, Portraits von sich und
seiner Schwester, erleben die Betrachter diese Schwierigkeiten. Beide Portraitierte
haben Masken vor den Augen, schützen sich damit und verstecken sich – lassen
offene Kommunikation nur begrenzt zu. Und auch Yoheis Maske des barmherzigen Buddha bleibt am Ende
Maske. Die biografische Situation dahinter war die depressive Erkrankung seiner
Schwester, an die er in dieser Zeit nicht mehr emotional und kommunikativ
herankam. Subtil und anrührend geben diese beiden noch unvollendeten Bilder
einen Ausblick in die kommenden Arbeiten von Yohei Yashima, auf die ich sehr
gespannt bin. Seine künstlerische Heransgehensweise an Menschen und
Gesellschaft haben mich berührt in ihrer Verletzlichkeit und Ehrlichkeit. In
einer Gesellschaft der Selfieproduktion mit dem Versuch, die Definitionsmacht
über das eigene Äußere, die Erscheinung, das eigene Bild zu halten,
thematisieren diese Bilder den externen Blick und die Behinderung der
Kommunikation durch das Festhalten am eigenen Bild.
Gallerie j3fm | Kollenrodtstr. 58B | Hannover | 21. Juni bis 14. Juli 2019
Massentourismus,
Flüchtlingsmassen, Massenspektakel, Fanmassen – Massen in Verbindung mit
Menschen haben kein gutes Image in Europa. Hier zählt eher Individualität statt
Masse. Einerseits. Andererseits kann sich der emotionalen
Überwältigungsstrategie durch Massenbewegungen kaum jemand entziehen: Von Leni
Riefenstahls Reichstagspropagandadoku Triumph
des Willens (1935) bis zu den Massenszenen in Game of Thrones (2011-2019) bewegt es Zuschauer nicht nur im
Filmischen, auch die Stimmung beim Festival, die Massenballetts der Eröffnungen
der olympischen Spiele prickeln in der Dynamik der choreografierten
Gleichzeitigkeit und Videos von Staren- und Fischschwärmen bekommen auf YouTube
tausendfache Klicks und begeisterte Kommentare.
(c) Edin Bajric
Massen in Bewegung und auf Wanderung sind ambivalent wahrgenommene Erscheinungen. Das Faszinierende an ihnen ist auch die ästhetische Präsentation. Verliert man in der Massenwahrnehmung die Orientierung, versucht das Gehirn Strukturen zu entdecken. Diese Strukturen werden emotional eingeordnet in das Umfeld: Der Vogelschwarm in Alfred Hitchcocks Horrorstreifen Die Vögel (1963) wirkt bedrohlich über den erzählerischen Kontext der von Vogelschwärmen bedrohten Bevölkerung von Bodega Bay, die Vogelschwärme in der Naturdokumentation Nomaden der Lüfte (2002) untermalt mit romantischer Musik, der gekonnt die Geräusche von Flügelschlägen beigemischt ist, lässt zum Teil des Vogelschwarms werden und Erdenschwere und Distanzen beim Zuschauen überwinden. Massen sind auch Einbindungen, Verführungen, wenn ich Teil ihrer werde. Bei der Polka, der Wallfahrt, der Prozession wird das noch häufig positiv konnotiert, bei der Parade, dem Aufmarsch, den Masseninszenierungen totalitärer Regime wird es schwierig. Das unterscheidende Merkmal der lebensweltlichen und ethischen Bewertung scheint die Freiwilligkeit zu sein, die Selbstbestimmung in den kollektiven Bewegungen entgegen eines totalitären Anspruchs.
Edin
Bajrić pflegt diese Ambivalenz in seinen Installationen. Wenn aus einem Fenster
handgroße, schwarze Wesen in den Raum krabbeln, wenn Kaskaden weißer Formen
Stufen hinuntergleiten, dann schaut man fasziniert hin. Diese Strukturen lassen
einen nicht los, man fürchtet, sie stürzen sich auf einen – oder sie fliehen
vor einem. Unterstützt wird das ambivalente Erleben durch die Präsentation in
Räumen. Ob Laden, Kirche, Schloss – es sind Orte menschlicher Behausung in
ihrer Schutz vor den Unbilden der Natur und Zuflucht gewährenden Funktion, die
plötzlich Orte der Invasion des Fremden werden und damit die Grundanliegen der
Architektur: das Eigenen, das Bewahren, das Präsentieren, das Einladens wie
Abweisen in Frage stellen – oder bereichern.
Edin
Barjić spielt dabei sehr mit dem Wahrnehmungsprozess des Betrachters, einem
gerade in der Ästhetik spannend geführten Diskurs. Die Gegenüberstellung von
Mensch und Welt, Betrachter und Kunstwerk, die seit Descartes unser Verhältnis
zu Welt und Natur bestimmt, ist von bildenden Künstlern immer wieder in Frage
gestellt worden durch optische Täuschungen (trompe-l’Œil) oder bereits
Verzerrungen bei Holbein d.J.: The Ambassadors, wo der Betrachter durch eine
Standpunktveränderung einen neuen Bildsinn erkennt: Ein Totenkopf zu Füßen
beider Botschafter wirkt verzerrt und erst wenn man sich an die linke
Bildhälfte stellt, wird der Totenkopf realitätsnah und die Perspektive und
damit die Bedeutung der beiden Botschafter, die rechts und links neben dem
Totenkopf stehen, ändert sich.
Bereits
Aristoteles hat – vor der neuzeitlichen Opposition von Mensch und Welt –
festgestellt, dass die Wahrnehmung der Welt mir nicht nur über das Wahrgenommene,
sondern auch über mich als Wahrnehmenden etwas mitteilen kann. Weitergeführt
und gedacht weist das darauf hin, dass Wahrnehmung mich verändert und auch das
Wahrgenommene. Wolfgang Welsch (2018: Wahrnehmung und Welt) führt dieses
Phänomen bis in die Natur zurück: Die Blüten vom Fliegen-Ragwurz, einer
Orchideenart, sind dem Hinterleib der Fliegenweibchen ähnlich. Die Männchen
fliegen sie an und lösen so die Bestäubung aus. Blumen profitieren von den
Begattungsversuchen der Fliegen. Was als eine Mutation begann, eine Orchidee
ähnelte dem Hinterteil der weiblichen Fliege, führte zu einer verstärkten
Vermehrung. Die Ausbildung der Hinterleibsform dieser Orchideenart führte zu
einem Selektierungsprozess ausgelöst durch die sexuell bestimmte Wahrnehmung
der Insektenmännchen. Die Evolutionsbiologie verweist auf weitere frappierende
Passungen zwischen Gegebenheit der Welt und ihrer evolutionären Entwicklungs-
und Wahrnehmungsphänomene hin. Auch die menschliche Wahrnehmung ist nun
einerseits geprägt von kulturellen Wahrnehmungsmustern, aber der Mensch kann
alles zum Gegenstandbereich seiner Wahrnehmung machen, auch was er nicht
unbedingt zum Überleben braucht. Er kann sogar die sexuelle Schranke der
Wahrnehmung überwinden und er kann darüber reflektieren – und Kunst, Ästhetik
ist eine der Formen dieser Wahrnehmungsreflexion.
Und
so verändern Wahrnehmung und Wahrgenommenes in einem Prozess den Wahrnehmenden
wie auch das Objekt seiner wahrnehmenden Begierde. Betrete ich den Galerieraum
j3fm, weichen die Maßen der Objekte von mir zurück, kriechen die Wände hoch,
versuchen zu fliehen: Ich bin ihr Meister und zugleich schreckt die Masse der
auf den ersten Blick nicht zu identifizierenden Krabbelwesen ab. Stellen Sie
sich nur mal vor, Sie werden nachts wach und sehen in ihrem Zimmer, auf ihr
Bett zukommenden oder auch davon zurückweichend ein paar tausend weiße Wesen kriechen
– nebeneinander, übereinander, geordnet und doch chaotisch. Erst wenn Sie sich
bücken, ein Individuum als Avocadohälfte identifizieren, dann legt sich der
Bann. Das Erkannte hat ihre Wahrnehmung verändert, sie sehen ab jetzt anders
und können nun die Strukturen der Bewegungsdynamik interpretieren und ihre
eigenen Wahrnehmungsmuster und –gefühle reflektieren. Die Installation hat sie
verändert. Sie sind Teil des Kunstwerkes von Edin Bajrić geworden, in die
Arbeit eingenommen und assimiliert.
Wolfgang
Welsch beschreibt die Aisthetik, die (Lehre) von der sinnlichen Wahrnehmung,
als „Motor der Evolution“ (a.a.O., S. 88), als „ein Mittel, durch welches die
Welt sich vorantreibt“ (ebd.). Dieses Spiel mit der Wahrnehmung nutzt Edin Bajrić
wenn er mit Wanderung Massenbewegung thematisiert.
1980 in Bosnien geborenen und 1993 nach Deutschland mit seiner Familie
geflohen, beschäftigt ihn das Massenphänomen seit seinem Kunststudium in
Hannover: Die Wanderung will werden und
sucht nach einem Platz ist konsequent das Thema seiner Diplomarbeit. Und
dabei scheut er weder die Ambiguität seiner Arbeiten auszuhalten – die Spannung
zwischen der Ästhetisierung der gesichtslosen Masse und die Schönheit ihrer
Dynamik – noch die Lust am Spiel: mal sind es mit schwarzem Kunstharz umgossene
Tomatenrispenstrünke, dann, hier in j3fm, ein paar Tausend in 40 Kisten
antransportierter, in Gips ausgeformter Avocadofruchthälften, die durch ihren
Stilansatz wie die Mäuler öffnende Kriechwesen wirken. Es sind Interpretationen
möglich, aber sie sind verkürzt, wenn man sie künstlerbiografisch psychologisiert.
Dafür spielt Edin zu sehr und macht ihm das Herstellen von ein paar tausend
abgeformten Pflanzenteilen auch noch Spaß. Das Spannende an Edin Bajrićs
Arbeiten ist sein Spiel mit der Wahrnehmungspraxis des Betrachters und der
Betrachterin und dem emotionalen Bild, was in dessen oder deren Kopf und Sinn
entsteht.
In der Krise ist das Verhältnis zwischen Journalistinnen und Journalisten und den Kommunikationsexperten in Unternehmen und Organisationen angespannt – nichtsdestoweniger notwendig auch im Interesse der Öffentlichkeit. Hilfen in der Krisenkommunikation bieten zwei Bücher.
Zwei Beiträge von Wilfried Köpke darin, der eine über Bewegtbildmanipulation in dem seit Juni 2019 im Buchhandel erhältlich Band Krisenkommunikation.
Professionelle Krisenkommunikation pp 249-261| „Ich habe es im Fernsehen gesehen!“ Bildmanipulationen in der journalistischen Fernsehberichterstattung
Der andere aus dem Jahr 2018 beschäftigt sich mit dem Interview als Instrument der Krisenkommunikation.