Nehir – alles fließt vom Grat in die Ebene
imago – Kunstverein Wedemark | 9. November 2025 | Einführungsrede[i]
Nehir – alles fließt vom Grat in die Ebene. Der Titel der Ausstellung nimmt das arabisch-türkische Wort für Fluss, Strom auf. Deutet verfremdet an – ohne ein Bild entstehen zu lassen, weil die meisten das Wort erst nachschlagen müssen – was es mit Nehir auf sich hat – dass es ums Fließen geht, um Bewegung, um Prozesse in ihrer Dynamik.
Diese Ausstellung ist keine Ausstellung über Landschaftsmalerei oder eine Wasserinstallation. Wer den Raum betritt, der lässt sich ein auf eine Expedition, eine Reise. Räumlich über den Nahen Osten, Paris, Nordafrika zurück nach Niedersachsen. Zeitlich auf eine Reise über 44 künstlerische Jahre. Die älteste hier ausgestellte Arbeit wurde 1981 geschaffen, die jüngste vor ein paar Wochen. Und letztlich eine Reise vom Außen, dem Augenscheinlichen – nach innen, den Seelenbildern.
I
Ich beginne mit den beiden ältesten Arbeiten. Sie führen uns in die Zeit Ende der 70er Jahre. Jürgen Friede studiert noch Freie Kunst mit dem Schwerpunkt Plastik an der Nachfolgeeinrichtung der Werkkunstschule in Hannover-Herrenhausen, heute der Hochschule Hannover. 1981 wird Ronald Reagan Präsident der USA, Kohl Bundeskanzler über die Wende der FDP, Diana und Charles heiraten. Es ist die Zeit des Kalten Krieges und im Bonner Hofgarten demonstrieren 300.000 Menschen gegen den NATO-Doppelbeschluss. Gerade junge Erwachsene haben das Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen. Jürgen Friede hört Lake. Und das klingt 1976 so:
I feel like I’m sitting on time bomb baby
And it’s going to explode
Ich fühle mich, als würde ich auf einer Zeitbombe sitzen, Baby.
Und sie wird explodieren.
Ja, ich sitze auf einer Zeitbombe, Baby.
Jeden Tag weiß ich, dass du explodieren wirst.
In der Blüte des Tages wird es mich nicht mehr geben.
Die Antwort auf dieses Gefühl oder der Ausdruck sehen Sie in den beiden ältesten Arbeiten: Time Bomb Baby – wie eine Bombe aus Stahl und Kupferblech – zwei Materialien, die sich schon chemisch nicht vertrage, liegt die Bombe fein hindekoriert auf ihrem Gestell. Harmlos. Ironisch. Little Boy – war der Name der ersten Atombombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde. Harmlos und doch. Eine Antwort auf die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und seine Folgen war die Abkehr vom Figurativen in der Kunst und die Hinwendung zur Abstraktion. Für Manche in den 1960er Jahren waren z.B. die abstrakten Expressionisten immer noch gestisch und symbolisch zu beladen und sie entwickelten die Abstraktion konsequent weiter zur Minimal Art. Die Skulpturen sollten weniger komplex, objektiv und Raumbezogen sein und sie arbeiteten häufig mit gefundenen, auch industriell gefertigten Elementen. Radikale Reduzierung. Arbeitet die Arbeit Time Bomb Baby (1981) noch mit einem Augenzwinkern, ist die im gleichen Jahr entstanden Arbeit Variationen in der Fläche entschieden reduziert. Auf Sperrholzplatten genietete Klavierbänder halten schmale Kupferbleche. Gleich in der Struktur aufgebaut, lassen sich die Neigungswinkel der Bleche variieren. Nicht mehr – nicht weniger.
Jürgen Friede lässt diesen Ansatz hinter sich:
Meist – denn es gibt Ausnahmen, es gibt die Arbeiten mit Augenzwinkern. Schauen Sie auf die gerahmten kleinen Collagen von 2007 oder auch die perforierten Kupferbleche von 1990, in denen beinahe spielerisch Formen und Farben eingebunden sind. Grundlagen der Collagen im Bilderrahmen ist jeweils eine durchschossene Zielscheibe – Hannover hat das weltgrößte Schützenfest – und dann unterschiedliche Materialien vom Kuchendeckchen bis zur Platine, Zahnrädchen, Kaffeefilter – Zivilisationsfragmente. In Schwitterscher Manier entstehen heitere Erzählungen von Tortenschlacht bis Garten Eden. Die nackte, weibliche Brust in Sex and Crime enttarnt man erst auf den zweiten oder dritten Blick als Kaffeefilter. Die Erzählungen entstehen im Kopf der Betrachter:innen, ausgelöst durch die künstlerische Vorlage.
Es bleibt aber auch bei diesen eher narrativen Arbeiten eine strikte Formensprache, die von der Reduzierung lebt, die auf die geometrischen Grundformen setzt. Dieser Einfluss, u.a. aus der Auseinandersetzung mit der Minimal Art, wird verstärkt durch den Einfluss seiner Reisen in den Nahen Osten und, vorallem, das nördliche Afrika.
II
„Als ich in Afrika, Marokko ankam, hatte ich den Eindruck, endlich zu Hause zu sein.“[iii]
Friede zeichnet viel, wandert, erfasst die Sprache von Natur und afrikanischer Zivilisation. Fasziniert sieht er auf seinen Busfahrten über Land die Hirten, „die da stehen und nichts tun als Schauen in dieser Landschaft“[iv] auf ihren Stock gestützt, mit ruhigem Blick und beinahe unbewegt in die Weite schauen. Er entdeckt die aus den Grundformen gestalteten Architekturen und die Skulpturen. Im nördlichen Afrika, haben Statuen, die Menschen abbilden, häufig rituelle, liturgische Funktionen. Sie finden Verwendung bei Fruchtbarkeitsriten, in der Ahnenverehrung, als Votivgaben. Deshalb sind sie selten individuell ausgeformt, sondern funktional. Ähnliches findet man in der Kunst des antiken Ägyptens: Der Schreiber, der Wächter, der Krieger. Daraus ergibt sich eine reduzierte, abstrahierte figurative Formsprache.

Jürgen Friede übernimmt die vorgefundene Formsprache nicht als dekoratives oder gar postkoloniales Dekor. Eher sucht er überkulturelle Formelement, die eine universelle Gültigkeit haben, zitiert die Gestaltungsweise. Und in der Tat kann man im Vergleich der künstlerischen Kulturen sehr verwandte Haltungen und Gesten finden, die sich meist an den ästhetischen Grundformen orientieren: Die Biegung des goldenen Schnitts, die Urtypen der Dreierformen, die überkulturellen Silhouetten menschlicher Figur, Kopfformen, Haltungen.
Der rumänische Bildhauer Constantin Brancusi, der lange Jahrzehnte in Paris gearbeitet hat, einer der Inspiratoren Jürgen Friedes, betont, dass man mit den Formen das Wesentliche finden muss: „Nicht die äußere Form ist wirklich, sondern das Wesen der Dinge. Unter dieser Voraussetzung ist es für jedermann unmöglich, durch Nachahmung oberflächlicher Erscheinungen etwas Wirkliches auszudrücken.“[v] Jürgen Friede schafft mit seinen Skulpturen eine neue künstlerische Wirklichkeiten, die das Potenzial haben, die Räume, in denen sie stehen und die Betrachter:innen zu verändern.
In den Wächterfiguren mit ihrer klaren Haltung wird das sehr deutlich, auch in der Geschmückten Braut.
Es entstehen Skulpturen, die deutliche Impulse geben, Haltung haben – aber doch mir als Betrachter eine Offenheit gewähren, sie mit meinen Narrationen zu verbinden. Sehen Sie in der nur Figur genannten Arbeit einen Fuchs, einen Pferdhals mit -kopf oder eine Katze? Es bleibt die Uniformität, die Schlichtheit, die Würde und Strenge. Was so offen wirkt, ist zugleich extrem penibel und präzise gearbeitet. Schauen Sie sich unter diesem Aspekt mal die Kinnpartien im Übergang zum Kopf der Figur an.
Selbst wenn die Titel der Arbeiten narrativer gestaltet sind, bleibt mir als Betrachter eine Offenheit in der Deutung. Bei der Arbeit Reise ins Innerste fallen die Proportionen auf und die drei Erhebungen. Drei ist eine in allen Kulturen besondere Zahl, die an urtypische Mythen erinnert: die drei Grazien, Dreifaltigkeit, Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, Geburt-Leben-Tod. Die überkulturelle Formensprache ermöglicht die individuelle Besetzung. Und das hat Prinzip oder besser entspricht einem Wunsch des Künstlers:
„Wenn meine Arbeiten in 500 Jahren von Archäologen gefunden werden, wäre es schön, wenn sie sagen: ‚Ich verstehe sie zwar nicht, aber ich will sie haben, ich nehme sie‘; wenn sie auch dann den Menschen noch etwas bedeuten.“[vi]

III
Am Ende ist Jürgen Friede dann doch mehr in der reduzierten, klaren Formsprache als „Zuhause“ angekommen als im realen Afrika mit seinen künstlerischen Traditionen. Darauf mag noch etwas verweisen. Viele Arbeiten tragen zwei Jahresangaben. Nach Jahren, manchmal Jahrzehnten hat Jürgen Friede seine Skulpturen überarbeitet. Jürgen Friede schafft dynamisch, prozesshaft. Er sieht, er setzt um, er korrigiert, er verändert, er stellt auf die Füße, was lag, bis er den Eindruck bekommt: Jetzt stimmt es! Ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen kann und an dessen Ende eine Arbeit steht, die in sich schlüssig, klar, perfekt erscheint. Interessant die Veränderungen an den beiden Arbeiten Wächterfigur und Nehir – alles fließt vom Grad in die Ebene, letztere hat dieser Ausstellung den Namen gegeben. Beim Schleifen der Steine fielen Jürgen Friede die Fließspuren des Schleifschlammes auf. Sie hatten eine eigene Schönheit, wie sie sich an dem schwarzen Stein entlangzogen. Ein autopoietisches Element machte die Arbeit perfekt. Jürgen Friede hat die zufälligen nachgearbeitet und so auf Dauer gestellt, fixiert. Und nun entdeckt man je nach Lichteinfall und genauem Blick diese Spuren, die den Stein sehr lebendig werden lassen und dynamisch.
Schaue ich auf dieses phänomenologische Tun und die Übernahme der reduzierten Formsprache, von der ich eben gesprochen habe, dann verbindet sich das für mich auch mit der Entscheidung zur Abkehr von der Minimal Art. Sucht einerseits die Skulptur der Moderne nach der „vollkommenen Form, in der sich ein künstlerisches Weltbild manifestiert“ und hat uns die „Moderne […] daran gewöhnt, das Kunstwerk in völliger Isolation von jeglichen außerkünstlerischen Zusammenhängen zu sehen, zu begreifen, zu werten“[vii], so sieht sich Jürgen Friede „als Teil einer Generation; ich hoffe eine gute Sache gemacht zu haben, aber man wird sehen, wie das Menschen später mal bewerten.“[viii]
Mir scheint, dass es Jürgen Friede deshalb gelingt, weil er auch in unbeständigen Zeiten eine beständige künstlerische Sprache gefunden hat, die unabhängig von individueller Geschichte und kultureller Herkunft, die Betrachter:innen anspricht, berührt und von ihnen verstanden wird.
Vom griechischen Philosophen Heraklit stammt die Erkenntnis, dass man nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann. Man selbst ist ein andere. Das Flusswasser ist ein anderes. Zugleicht hat die Reise, die Exkursion mit Jürgen Friede durch Länder und Zeiten gezeigt, dass sich manches erst in der Veränderung formt und finalisiert. Dass es Grundkonstanten gibt, die aber erst durch neue Überarbeitung, durch Neuansätze, durch Veränderung deutlich werden. Dass der Reise nach Innen der Aufstieg nach Außen folgen muss, damit das Werk vollendet wird. Jürgen Friedes Wächter sind da auch wie stille Mahner, auf dem eigene Weg zu bleiben. Ich wünsche Ihnen Entdeckerfreude auf Ihrer Exkursion nach Innen und Außen, auf den Spuren des Künstlers nach Nordafrika und Norddeutschland.
[i] Unbearbeitetes Typoskript der Einführungsrede.
[ii] Im Gespräch mit dem Autor am 24. August 2024.
[iii] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.08.2024.
[iv] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.10.2025.
[v] Zitiert nach: Eduard Trier: Bildhauertheorien im 20. Jahrhundert, Berlin (Gebr. Mann Verlag) 5. völlig. bearb. Aufl. 1999, S. 220
[vi] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.08.2024.
[vii] WB: Gedanken zur Skulptur von Jürgen Friede, in: Jürgen Friede [Skulptur am Elbe-Seitenkanal Bad Bevensen], Hannover 1992, S. 3.
[viii] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.10.2025.
