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Magie des Lebens

Daniel Enkauoa in der Galerie Koch (bis 21. März 2026)

Junge Erwachsene – seine Kinder, Landschaften, Wassermelonen und Mangold. Das malt Daniel Enkaoua, das sehen Sie hier. So ausgesprochen, wirkt es beinahe banal. Zugleich beginnt mit dem Betreten der Galerie und mit dem ersten Blick auf das Bild Aure, la main posée sous le visage (Aure, das die Hand unter dem Gesicht) der Zauber dieser Bilder eines Ausnahmemalers zu wirken.

Vor zwölf Jahren bin ich den Arbeiten Daniel Enkaouas das erste Mal begegnet. Die Galerie Koch hatte unter dem Titel ROT eine Arbeit von ihm präsentiert, die seine Tochter Aure als Mädchen zeigte, das den rot gefütterten Mantel seiner Mutter Sarah trug: Aure et le mantau de Sarah. Daneben waren Arbeiten von Lyonel Feininger, Sam Francis, Ernst Ludwig Kirchner, Niki de Saint Phalle u.a. zu sehen. Fasziniert war ich von der Enkaoua-Arbeit. Irgendwann hing sie im Fenster. Ich fuhr ein paar Mal vorbei. Zeigte sie einer Kollegin, bevor wir gegenüber im Al Dar essen gingen. Ich kam nochmal in die Galerie, nur für dieses Bild. Es zog mich magisch an. Und das ging mir in der Folge mit vielen Bildern Daniel Enkaouas so.

Auf diese Magie möchte ich sie als vademecum zur Entdeckung dieser Bilder hinweisen. Auf die Magie. Die Magie der Malerei Daniel Enkaouas, die Magie seiner Motive, die Magie des Lebens. Darunter geht es nicht.

Magie der Malerei

Was auffällt, schon beim ersten Bild, der liegenden Aure gleich gegenüber der Tür, ist die Kraft der Farben. Hier ein kräftiges Gelb neben einem starken Violett und Pinselstriche, die man aus der Nähe sieht. Kräftig, energisch. Der Malvorgang wird nicht verborgen. Farben liegen in der Nähe so nebeneinander, dass ich das Motiv als Betrachter verliere. „…und in der Distanz geschieht das Wunder, der Witz (…) der gleitende Vorgang der Transsubstantiation, bei dem Farbe Farbe ist“, aber auch Bewegung, Dynamik und Kommunikation, Bedrohung und Auflösung: „Der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr ist“. Vgl. Donna Tartt (2013): Der Distelfink, S. 1016.() In der Ferne fügt sich das Bild wieder zusammen und aus dem diversen Einzelnen wird eines, ein Motiv, ein Bild. Diese Dynamik greift unabhängig von den Größen der Bilder – Daniel Enkaoua beherrscht das kleine Kabinettstück wie die große Leinwand meisterhaft – und sie funktioniert in ihrer Kraft selbst bei den ruhigen und leisen Motiven, wie den Bildern seiner liegenden Kinder.

Mich selbst hat das überrascht. Und im Vorgespräch habe ich den Gegensatz zwischen den vulnerablen Motiven und den kräftigen, bei einigen Arbeite auch pastosen Pinselstrichen, thematisiert. Für den Maler war das kein Gegensatz. Und er sah die liegenden Kinder auch nicht als verletzlich, sondern eher als zart. Die Kraft der Farben und der Malgestus halten sie auf jeden Fall dynamisch und, so betont Daniel Enkaoua vor drei Jahren in einer eMail an Annette Brunner: „Farben sind der Duft der Existenz. Und das bedeutet hier eine große Lebendigkeit.

Zudem hat der rasche Pinselstrich auch eine technische Komponente. Manchmal muss es schnell gehen. Nicht nur weil die Kinder mittlerweile aus dem Haus sind und nun nur manchmal noch als Modelle zur Verfügung stehen. Bei den Landschaften auch deshalb, weil sich das Licht laufend ändert.

Die Landschaftsbilder aus der Toscana, hier hängt eines und oben noch eine Reihe weiterer, hat Daniel Enkaoua im vergangene Sommer in zehn Tagen gemalt. Plein air – so auch der Titel dieser Ausstellung. In der Toskana wechselte das Licht stündlich und Daniel Enkaoua kämpft mit diesem Lichtwandel, dem Farbenspiel: „Es war eine Explosion, eine totale Explosion vom Morgen bis zum Abend. Und ich habe zehn Tage tagtäglich gemalt, von morgens bis abends und anschließend war ich völlig fertig und konnte meine Arme nicht mehr bewegen“. Der Maler setzt sich den Landschaften aus, die er malt, er geht in den Dialog mit Licht, Wetter und Farben, um sie vor Ort auf der Leinwand umzusetzen.

Die Impressionisten hatten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die plein-air Malerei forciert, entgegen aller akademischen Tradition, dass das gute Bild im Atelier zu entstehen habe. Weniger Atelierkomposition als unmittelbarer Ausdruck. In der Betrachtung der Bilder trifft dann das Empfinden Betrachters auf den Empfindungsausdruck des Malers. „Es sind Bilder, die es weniger zu verstehen als zu genießen gilt – ein Wunsch, der wenig später auch die Expressionisten berauschte (…).“ (Kyllikki Zacharias (2015): Im Grünen, in: Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende. München (Hirmer) S. 137). Diese im malerischen Gestus vermittelte Unmittelbarkeit finden wir nicht nur bei den Landschaften und Portraits, sondern auch bei den im Atelier entstandenen Stillleben, obwohl sie geplanter, gesetzter und mit mehr Zeit entstehen.

Es bleibt auch hier die Magie im künstlerischen Entstehungsprozess. Daniel Enkaoua erläutert 2022 in einer eMail an Anette Brunner: „Bevor ich mein Atelier betrete, scheint es ein ganz normaler Tag zu sein, aber sobald ich meine Palette und meine Pinsel in die Hand nehme, wird dieser Tag durch den Malprozess transzendiert.“

Magie der Motive

Landschaften, seine Kinder, Obst und Gemüse. Mehr alltäglich als magisch. Doch die Motive verweisen auf eine darüber hinausweisende Dimension, den durch den „Malprozess transzendierten“ Tag.

In den Landschaften verfolgt der Künstler ein Programm, ausgehend von der Wahrnehmung der romantisierenden oder glorifizierenden Gemälden der israelischen Landschaft, er hat dort beinahe zwanzig Jahre gelebt und gelernt, entdeckte er die Parallelen zu Landschaften im gesamten Mittelmeerraum und will sie im Lauf der Jahre malerisch erkunden. Vergangenes Jahr die Toscana.

Und dann die Portraits seiner Kinder. Auf dem Boden liegend, den Rücken abgewandt, beim Lesen. Als Betrachter begegne ich ihnen in privaten Momenten. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl des voyeuristischen Eindringlings. Ich komme gar nicht auf die Idee, eine Diskussion anzuzetteln wie sie vor Jahren bei Balthus und seinen jungen Modellen geführt wurde oder, einige erinnern sich vielleicht noch an die Ausstellung Der Blick auf Fränzi und Marcella: Zwei Modelle der Brücke-Künstler Heckel, Kirchner und Pechstein, die Ulrich Krempel 2010 im Sprengel-Museum feinfühlig einführte, weil kurz zuvor der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg, einer Jesuitenschule in Berlin, an die Öffentlichkeit gedrungen war. Nichts davon in Enkaouas Bildern. Sie sind privat, persönlich, aber nie entblößend. Daniel Enkaoua wendet sich den Motiven zu und malt sie als künstlerische Inspiration, nicht als Projektionen seiner (väterlichen) Gefühle. So scheint es mir, und er selbst schreibt dazu an Anette Brunner: „Als Maler bin ich nicht von meiner Stimmung abhängig. Natürlich habe ich während des Malens Gefühle, aber ich glaube nicht, dass diese meine Bilder beeinflussen. Das stärkste Gefühl, das mich beim Malen leitet, ist, dass mir der Malprozess die Augen für die Schönheit der Welt, für ihren Reichtum und ihre Komplexität öffnet.“

Wahrscheinlich ist es das. Die Modelle sind Aure und Natan und Liel. Und zugleich sind sie mehr: Ausdruck einer bestimmten Haltung, eines Lebensgefühls, eines Momentes der Versunkenheit, des Bei-sich-seins, de Groß-sein-Wollens und Zögerns. Und so wird ein Satz aus den Essaies Michel de Montaignes in den Bildern Daniel Enkauos wahr: „Jeder Mensch trägt die ganze Gestalt des Menschseins in sich.“ (E III,2).

Vor zwölf Jahren konnte ich mich der Magie der Aure im viel zu großen Mantel ihrer Mutter nicht entziehen. Ich saß einige Minuten hier in der Galerie davor. Es war mein Bild. Mein Lebensgefühl. Passte mein Mantel (der Habitus angelehnt an Pierre Bourdieu) oder war er zu groß. Wuchs ich rein oder war ich ein Gernegroß? Und es verändert sich meine Wahrnehmung de Bildes seit Jahren immer ein wenig, changierend zwischen zuversichtlich und furchtsam, neugierig und zurückgezogen, geborgen und unbehaust. Die Lebensdialektik des Sowohl-als-auch.

Enkaouas Bilder referieren auf den universellen Code des Menschseins – das ist viel in unserer fragmentierten Welt der kleinen Wohlfühl-Bubbles.

Und die Wasser- und Honigmelonen? Der Mangold? Daniel Enkaoua dazu im Vorgespräch am 8. Januar d. J.:„Die alltäglichen Dinge sind Reflektionen unserer selbst“. Und darin haben sie eine eigene Würde. Die übergroß wirkenden Melonen hier an der Seite (La Pastèque et le melon) sind naturgroß. Wir schauen als Betrachter auf sie drauf, sie sind geteilt, aufgeschnitten, eine halbe Wassermelone fehlt bereits. Der diffuse Hintergrund lässt den Blick auf den Melonen, als beobachteten wir eine Szene, ein Gespräch, einen Dialog. Es geht narrativ weiter als nur eine Abbildung. Es führt weiter in die Magie des Alltags, die…

Magie des Lebens

Malen bedeutet, die Welt zu erkunden, Farben sind der Duft der Existenz.“, schreibt Daniel Enkaoua an Annette Brunner und mir sagt er am Ende des Gesprächs, angesprochen auf die neue, heftigere, bewegte Strichführung und die defensivere Farbigkeit. „La vie. C’est la vie, c’est la vie. Je peins la vie.“ (Das Leben. Das ist das Leben, das ist das Leben. Ich male das Leben.) Ja. Und zugleich passiert mehr. Dass Kunstwerke manchmal größer sind als die sie erschaffenden Künstler:innen, betonen Künstler und Kunsthistorikerinnen gerne. Das liegt bereits am Rezeptionsprozess, der weiter gehen kann als die Lebensrealität der Schaffenden.

Doch braucht es auch zwingend die Offenheit für den Blick dazu und die ästhetische Kraft. Beides finde ich in den Bildern Daniel Enkaouas.

Und dabei weisen die Bilder auf eine darüber hinausreichende, spirituelle Dimension: „Ein Akt des Dankes vielleicht,“ wie der Belgische Schriftsteller Grégoire Polet in seinem Text über die Arbeiten Enkaouas vermutet, „doch gefangen in einem beunruhigenden Gefühl der Not, oft zerbrechlich und verletzlich, unmöglich zu formulieren, kraftvoll und ergreifend. Ein zerbrechliches Gebet, überrascht und beharrlich, das bei der geringsten Berührung anklingt und uns alle, jeden und zu jeder Zeit, von Herz zu Herz, an unsere tief empfundene persönliche Verantwortung erinnert.“ ( Grégoire Polet: On some of Daniel Enkaoua’s Paintings, in: Daniel Enkaoua, Works, Barcelona (2015) S. 37 – 39, hier S. 39).

In der jüdischen Theologie nach der Shoah, dem Versuch der systematischen, industriellen Vernichtung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus, wird diese Zuwendung zum Leben in seiner Fragilität als Heiligung des Lebens zur lebensbejahenden Disziplin. Das Leben zu lieben ist fruchtbarer, scheint gebotener als das Martyrium.

Und mir scheint, es ist das, was die Bilder bei uns als Betrachter anrühren: Daniel Enkaoua lässt in seinen Bildern Würde und Magie des Lebens aufscheinen. Mehr geht kaum.

Jürgen Friede

Nehir – alles fließt vom Grat in die Ebene

imago – Kunstverein Wedemark | 9. November 2025 | Einführungsrede[i]

Nehir – alles fließt vom Grat in die Ebene. Der Titel der Ausstellung nimmt das arabisch-türkische Wort für Fluss, Strom auf. Deutet verfremdet an – ohne ein Bild entstehen zu lassen, weil die meisten das Wort erst nachschlagen müssen – was es mit Nehir auf sich hat – dass es ums Fließen geht, um Bewegung, um Prozesse in ihrer Dynamik.

Diese Ausstellung ist keine Ausstellung über Landschaftsmalerei oder eine Wasserinstallation. Wer den Raum betritt, der lässt sich ein auf eine Expedition, eine Reise. Räumlich über den Nahen Osten, Paris, Nordafrika zurück nach Niedersachsen. Zeitlich auf eine Reise über 44 künstlerische Jahre. Die älteste hier ausgestellte Arbeit wurde 1981 geschaffen, die jüngste vor ein paar Wochen. Und letztlich eine Reise vom Außen, dem Augenscheinlichen – nach innen, den Seelenbildern.

I

Ich beginne mit den beiden ältesten Arbeiten. Sie führen uns in die Zeit Ende der 70er Jahre. Jürgen Friede studiert noch Freie Kunst mit dem Schwerpunkt Plastik an der Nachfolgeeinrichtung der Werkkunstschule in Hannover-Herrenhausen, heute der Hochschule Hannover. 1981 wird Ronald Reagan Präsident der USA, Kohl Bundeskanzler über die Wende der FDP, Diana und Charles heiraten. Es ist die Zeit des Kalten Krieges und im Bonner Hofgarten demonstrieren 300.000 Menschen gegen den NATO-Doppelbeschluss. Gerade junge Erwachsene haben das Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen. Jürgen Friede hört Lake. Und das klingt 1976 so:

I feel like I’m sitting on time bomb baby

And it’s going to explode

Ich fühle mich, als würde ich auf einer Zeitbombe sitzen, Baby.

Und sie wird explodieren.

Ja, ich sitze auf einer Zeitbombe, Baby.

Jeden Tag weiß ich, dass du explodieren wirst.

In der Blüte des Tages wird es mich nicht mehr geben.

Die Antwort auf dieses Gefühl oder der Ausdruck sehen Sie in den beiden ältesten Arbeiten: Time Bomb Baby – wie eine Bombe aus Stahl und Kupferblech – zwei Materialien, die sich schon chemisch nicht vertrage, liegt die Bombe fein hindekoriert auf ihrem Gestell. Harmlos. Ironisch. Little Boy – war der Name der ersten Atombombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde. Harmlos und doch. Eine Antwort auf die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und seine Folgen war die Abkehr vom Figurativen in der Kunst und die Hinwendung zur Abstraktion. Für Manche in den 1960er Jahren waren z.B. die abstrakten Expressionisten immer noch gestisch und symbolisch zu beladen und sie entwickelten die Abstraktion konsequent weiter zur Minimal Art. Die Skulpturen sollten weniger komplex, objektiv und Raumbezogen sein und sie arbeiteten häufig mit gefundenen, auch industriell gefertigten Elementen. Radikale Reduzierung. Arbeitet die Arbeit Time Bomb Baby (1981) noch mit einem Augenzwinkern, ist die im gleichen Jahr entstanden Arbeit Variationen in der Fläche entschieden reduziert. Auf Sperrholzplatten genietete Klavierbänder halten schmale Kupferbleche. Gleich in der Struktur aufgebaut, lassen sich die Neigungswinkel der Bleche variieren. Nicht mehr – nicht weniger.

Jürgen Friede lässt diesen Ansatz hinter sich:

Meist – denn es gibt Ausnahmen, es gibt die Arbeiten mit Augenzwinkern. Schauen Sie auf die gerahmten kleinen Collagen von 2007 oder auch die perforierten Kupferbleche von 1990, in denen beinahe spielerisch Formen und Farben eingebunden sind. Grundlagen der Collagen im Bilderrahmen ist jeweils eine durchschossene Zielscheibe – Hannover hat das weltgrößte Schützenfest – und dann unterschiedliche Materialien vom Kuchendeckchen bis zur Platine, Zahnrädchen, Kaffeefilter – Zivilisationsfragmente. In Schwitterscher Manier entstehen heitere Erzählungen von Tortenschlacht bis Garten Eden. Die nackte, weibliche Brust in Sex and Crime enttarnt man erst auf den zweiten oder dritten Blick als Kaffeefilter. Die Erzählungen entstehen im Kopf der Betrachter:innen, ausgelöst durch die künstlerische Vorlage.

Es bleibt aber auch bei diesen eher narrativen Arbeiten eine strikte Formensprache, die von der Reduzierung lebt, die auf die geometrischen Grundformen setzt. Dieser Einfluss, u.a. aus der Auseinandersetzung mit der Minimal Art, wird verstärkt durch den Einfluss seiner Reisen in den Nahen Osten und, vorallem, das nördliche Afrika.

II


„Als ich in Afrika, Marokko ankam, hatte ich den Eindruck, endlich zu Hause zu sein.“[iii]

 

Friede zeichnet viel, wandert, erfasst die Sprache von Natur und afrikanischer Zivilisation. Fasziniert sieht er auf seinen Busfahrten über Land die Hirten, „die da stehen und nichts tun als Schauen in dieser Landschaft“[iv] auf ihren Stock gestützt, mit ruhigem Blick und beinahe unbewegt in die Weite schauen. Er entdeckt die aus den Grundformen gestalteten Architekturen und die Skulpturen. Im nördlichen Afrika, haben Statuen, die Menschen abbilden, häufig rituelle, liturgische Funktionen. Sie finden Verwendung bei Fruchtbarkeitsriten, in der Ahnenverehrung, als Votivgaben. Deshalb sind sie selten individuell ausgeformt, sondern funktional. Ähnliches findet man in der Kunst des antiken Ägyptens: Der Schreiber, der Wächter, der Krieger. Daraus ergibt sich eine reduzierte, abstrahierte figurative Formsprache.

 

 

Jürgen Friede übernimmt die vorgefundene Formsprache nicht als dekoratives oder gar postkoloniales Dekor. Eher sucht er überkulturelle Formelement, die eine universelle Gültigkeit haben, zitiert die Gestaltungsweise. Und in der Tat kann man im Vergleich der künstlerischen Kulturen sehr verwandte Haltungen und Gesten finden, die sich meist an den ästhetischen Grundformen orientieren: Die Biegung des goldenen Schnitts, die Urtypen der Dreierformen, die überkulturellen Silhouetten menschlicher Figur, Kopfformen, Haltungen.

Der rumänische Bildhauer Constantin Brancusi, der lange Jahrzehnte in Paris gearbeitet hat, einer der Inspiratoren Jürgen Friedes, betont, dass man mit den Formen das Wesentliche finden muss: „Nicht die äußere Form ist wirklich, sondern das Wesen der Dinge. Unter dieser Voraussetzung ist es für jedermann unmöglich, durch Nachahmung oberflächlicher Erscheinungen etwas Wirkliches auszudrücken.“[v] Jürgen Friede schafft mit seinen Skulpturen eine neue künstlerische Wirklichkeiten, die das Potenzial haben, die Räume, in denen sie stehen und die Betrachter:innen zu verändern.

In den Wächterfiguren mit ihrer klaren Haltung wird das sehr deutlich, auch in der Geschmückten Braut.

Es entstehen Skulpturen, die deutliche Impulse geben, Haltung haben – aber doch mir als Betrachter eine Offenheit gewähren, sie mit meinen Narrationen zu verbinden. Sehen Sie in der nur Figur genannten Arbeit einen Fuchs, einen Pferdhals mit -kopf oder eine Katze? Es bleibt die Uniformität, die Schlichtheit, die Würde und Strenge. Was so offen wirkt, ist zugleich extrem penibel und präzise gearbeitet. Schauen Sie sich unter diesem Aspekt mal die Kinnpartien im Übergang zum Kopf der Figur an.

Selbst wenn die Titel der Arbeiten narrativer gestaltet sind, bleibt mir als Betrachter eine Offenheit in der Deutung. Bei der Arbeit Reise ins Innerste fallen die Proportionen auf und die drei Erhebungen. Drei ist eine in allen Kulturen besondere Zahl, die an urtypische Mythen erinnert: die drei Grazien, Dreifaltigkeit, Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, Geburt-Leben-Tod. Die überkulturelle Formensprache ermöglicht die individuelle Besetzung. Und das hat Prinzip oder besser entspricht einem Wunsch des Künstlers:

 


„Wenn meine Arbeiten in 500 Jahren von Archäologen gefunden werden, wäre es schön, wenn sie sagen: ‚Ich verstehe sie zwar nicht, aber ich will sie haben, ich nehme sie‘; wenn sie auch dann den Menschen noch etwas bedeuten.“[vi]

III

Am Ende ist Jürgen Friede dann doch mehr in der reduzierten, klaren Formsprache als „Zuhause“ angekommen als im realen Afrika mit seinen künstlerischen Traditionen. Darauf mag noch etwas verweisen. Viele Arbeiten tragen zwei Jahresangaben. Nach Jahren, manchmal Jahrzehnten hat Jürgen Friede seine Skulpturen überarbeitet. Jürgen Friede schafft dynamisch, prozesshaft. Er sieht, er setzt um, er korrigiert, er verändert, er stellt auf die Füße, was lag, bis er den Eindruck bekommt: Jetzt stimmt es! Ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen kann und an dessen Ende eine Arbeit steht, die in sich schlüssig, klar, perfekt erscheint. Interessant die Veränderungen an den beiden Arbeiten Wächterfigur und Nehir – alles fließt vom Grad in die Ebene, letztere hat dieser Ausstellung den Namen gegeben. Beim Schleifen der Steine fielen Jürgen Friede die Fließspuren des Schleifschlammes auf. Sie hatten eine eigene Schönheit, wie sie sich an dem schwarzen Stein entlangzogen. Ein autopoietisches Element machte die Arbeit perfekt. Jürgen Friede hat die zufälligen nachgearbeitet und so auf Dauer gestellt, fixiert. Und nun entdeckt man je nach Lichteinfall und genauem Blick diese Spuren, die den Stein sehr lebendig werden lassen und dynamisch.

Schaue ich auf dieses phänomenologische Tun und die Übernahme der reduzierten Formsprache, von der ich eben gesprochen habe, dann verbindet sich das für mich auch mit der Entscheidung zur Abkehr von der Minimal Art. Sucht einerseits die Skulptur der Moderne nach der „vollkommenen Form, in der sich ein künstlerisches Weltbild manifestiert“ und hat uns die „Moderne […] daran gewöhnt, das Kunstwerk in völliger Isolation von jeglichen außerkünstlerischen Zusammenhängen zu sehen, zu begreifen, zu werten“[vii], so sieht sich Jürgen Friede „als Teil einer Generation; ich hoffe eine gute Sache gemacht zu haben, aber man wird sehen, wie das Menschen später mal bewerten.“[viii]

Mir scheint, dass es Jürgen Friede deshalb gelingt, weil er auch in unbeständigen Zeiten eine beständige künstlerische Sprache gefunden hat, die unabhängig von individueller Geschichte und kultureller Herkunft, die Betrachter:innen anspricht, berührt und von ihnen verstanden wird.

Vom griechischen Philosophen Heraklit stammt die Erkenntnis, dass man nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann. Man selbst ist ein andere. Das Flusswasser ist ein anderes. Zugleicht hat die Reise, die Exkursion mit Jürgen Friede durch Länder und Zeiten gezeigt, dass sich manches erst in der Veränderung formt und finalisiert. Dass es Grundkonstanten gibt, die aber erst durch neue Überarbeitung, durch Neuansätze, durch Veränderung deutlich werden. Dass der Reise nach Innen der Aufstieg nach Außen folgen muss, damit das Werk vollendet wird. Jürgen Friedes Wächter sind da auch wie stille Mahner, auf dem eigene Weg zu bleiben. Ich wünsche Ihnen Entdeckerfreude auf Ihrer Exkursion nach Innen und Außen, auf den Spuren des Künstlers nach Nordafrika und Norddeutschland.

 


[i] Unbearbeitetes Typoskript der Einführungsrede. 

[ii] Im Gespräch mit dem Autor am 24. August 2024.

[iii] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.08.2024.

[iv] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.10.2025.

[v] Zitiert nach: Eduard Trier: Bildhauertheorien im 20. Jahrhundert, Berlin (Gebr. Mann Verlag) 5. völlig. bearb. Aufl. 1999, S. 220

[vi] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.08.2024.

[vii] WB: Gedanken zur Skulptur von Jürgen Friede, in: Jürgen Friede [Skulptur am Elbe-Seitenkanal Bad Bevensen], Hannover 1992, S. 3.

[viii] Jürgen Friede im Gespräch mit dem Autor am 14.10.2025.

 

 

Öznur Cansever: Erinnerungen

| 07.03. – 17.03.2025 | Künstlerhaus Hannover | Ausstellungseinführung[i]

 

Am Internationalen Tag der Frau als Mann zu sprechen ist unprofessionell und problematisch. Das habe ich den Organisatorinnen gesagt. Wenn ich es dennoch verantwortlich tue, dann aus zwei Gründen: Der Ursprung des Internationalen Frauentages hatte immer mehr als die Frauen, nämlich die gesamte Gesellschaft im Blick. Und ich bin als Mann auch Bruder einer Schwester, Vater einer Tochter, Partner einer Frau. Der diesjährige Prix Goncourt-Preisträger Kamel Daoud betont in feministischer Perspektive auf die Gesellschaft: „Nur wenn meine Frau sich sicher und frei bewegen kann, bin auch ich in Freiheit und Sicherheit.“[ii]  Das entscheidende Kriterium für die demokratische und politische Gesellschaft ist für ihn die Freiheit der Frauen. Und das lässt sich erweitern auf unsere Schwestern und Töchter.

Diese Position schließt an den Anlass an, seit 1921 den 8. März als Weltfrauentag zu setzen. 1917 streikten an diesem Tag in Petrograd die Bewohnerinnen der armen Stadtviertel. Arbeiterinnen, die Ehefrauen von Soldaten und erstmals auch Bäuerinnen gingen gemeinsam auf die Straße und lösten so die Februarrevolution aus; sie demonstrierten unter der Losung: ‚Brot! Nieder mit dem Krieg! Nieder mit dem Absolutismus!‘ Gleichzeitig traten die Arbeiter der wichtigsten Rüstungsbetriebe in den Streik und zogen in die Stadt. In den nächsten Tagen wuchs die Zahl der Streikenden und Demonstrierenden zu einer Lawine an. Die Revolution begann. Die Bauern im Soldatenrock liefen auf die Seite der Arbeiter über.[iii]

I

Wirtschaftliche Gerechtigkeit – Weltpolitischer Friede – Veränderung der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Nicht weniger ruft uns alle der 8. März in Erinnerung. Erschreckend, wie aktuell das nach 108 Jahren noch ist. Erschreckend auch, wie rückwärtsgewandt in diesen Tagen der Diskurs um die Frauenrechte ist.

Schauen Sie auf die Zahlen der Bundestagsabgeordneten: Noch nicht mal ein Drittel (32,4%)[iv] sind Frauen. In den DAX-Vorständen ist nur jede 4. Eine Frau[v]. Und zugleich boomen auf Instagram und TikTok Positionen junger Frauen, die sich unter dem Hashtag Stay-at-home-Girlfried (#SAHG) positionieren. Zu Haus bleiben, sich und das Heim schön machen und halten, bis der Boyfriend nach Hause kommt und genießen kann. Eine aktuelle Untersuchung der Dating-Formate Bachelor und Bachelorette[vi] ergab eine Fortschreibung heteronormativer Geschlechterstereotypen als wäre man im 19. Jahrhundert stehen geblieben: Männer sind sportlich, stark, testosterongeteuert, sind Ernährer, Beschützer, Dating-aktiv. Frauen werden als Dating-passiv, gefährdet und vorallem auf Äußerlichkeiten bezogen dargestellt. Beim Mann ist Konkurrenz sportlicher Wettstreit, bei den Frauen Zickenkrieg.

Wir schreiben das Jahr 2025. Und die Stereotypen sind noch sehr stark und werden zu eigenem Vorteil von Männern, leider auch von Frauen weitergetragen. Die Erkenntnis, beim Talk um Gleichberechtigung für Frauen am Arbeitsmarkt, ist auch, dass wer von Frauenrechten reden will, über das ungerechte kapitalistische Wirtschaftssystem und die entsprechende Politik nicht schweigen darf. Das hat Frauen 1917 auf die Straßen getrieben und gilt noch heute. Und wenn die Parteien Schwierigkeiten haben Kandidatinnen z.B. in Hannover für das Amt der Oberbürgermeisterin zu finden, weil das System zu chauvinistisch ist, spricht das nicht gegen die Frauen. Wohl aber gegen eine Politik, in denen der männlich bewertende Blick die Norm setzt.

 

II

Schaue ich Öznur Canservers Bilder an, entdecke ich keine Agitprop-Malerei, kein Aufschrei, keine offensichtliche Wut. Malerisch bewegt sich die Künstlerin nüchtern zwischen Neuer Sachlichkeit und Leipziger Schule mit surrealen Zitaten. Es sind Bilder, die den zweiten Blick brauchen, um gesehen zu werden – wie die Frauen als Motive.

Aus drei Werkgruppen hängen Bilder.

Frauen mit Einkaufstüten über dem Kopf gestülpt.

Eine Bankangestellte berichtete mir für meine Doku über Kriminalitätsopfer, dass die schlimmste Erfahrung für sie die über den Kopf gestülpte Einkaufstüte war, mit der sie gefesselt vierundzwanzig Stunden auf dem Teppichboden der Bankfiliale Berlin-Schlachtensee lag. Ausgeliefert. Blind. Jedes Geräusch, dass sie mangels Sicht nicht einordnen konnte, gefühlt lebensbedrohlich. Unerträglich für sie, später in den Zeitungen über die als gewieft und clever gefeierten Bankräuber zu lesen.

Die Tüte über dem Kopf nimmt sowohl den Blick, wie auch das Gesicht, die Identität. Dieses surreale Element in der Reihe verweist darauf, wie Frauen Rollen, Zuschreibungen, Stereotype übergestülpt werden. Es sind Frauen mit Migrationshintergrund, in dieser Reihe türkische Gastarbeiterinnen der 1. oder 2. Generation. Und die Bilder setzen ihre Erinnerungen um, was es heißt, so – als Türkin, Gastarbeiterin oder Gastarbeiterkind gelabelt zu werden. Und hier wird die Tüte bitter Öznur Cansever: Erinnerungen weiterlesen

Inge Marion Petersen: INSECTA

Inge Marion Petersen: INSECTA

 

imago Kunstverein Wedemark | 21. Januar bis 3. März 2024[i]

„3.1.2024 – Brimston, 445 Beiträge: Zuerst einmal frohes Neues zusammen. Das alte Jahr ging zu Ende, wie das neue begann. Ergiebiger Dauerregen und Sturm. Heute bin ich aber mal meine Köder (die natürlich praktisch gänzlich abgewaschen sind) abgelaufen. Was soll man sagen: ein erstaunlicher Erfolg: 9x Conistra rubiginosa – 1x Eupsilia transversa  – 1x Conistra ligula  1x Orthosia cerasi. Das ist mit Abstand die früheste Orthosia die ich je gesehen habe. Überdies noch 2 Säcke von Psyche casta und eine Mine von Tischeria ekebladella. Vorgestern an der Hauswand eine Puppe von Pieris rapae. Das Jahr hätte schlechter starten können! Brimston –

4.1.2024 – Lilli S., 270 Beiträge: Das freut mich sehr für dich! Ist doch ein guter Anfang…Ich musste bei jedem lateinischen Namen schauen, was das für ein Schmetterling ist 😉

5.1.2024 – Brimston, 446 Beiträge: Heute mal eine kleine Tour gemacht, immerhin 7 Arten. Neben hunderten Minen von Zimmermannia liebwerdella an Rotbuche und einer Phyllonorycter maestingella an welkem Rotbuchenlaub, auch wieder die ersten Säcke von Coleophora laricella an Lärche, dazu einmal Taleporia tubulosa. An Brombeere Coptotriche marginea und an Feuerdorn Ph. leucographella. Leider vergebliche Suche nach den Zipfelfaltern Favonius quercus und Thecla betulae.

Lilli S., 271 Beiträge, 5.1.2024: Oh my gosh 🙂 Diese Namen – eine Musik in meinen Ohren! Das klingt so unglaublich poetisch…

Ein Netzfund auf der Seite: https://das-neue-naturforum.de/forum/index.php?thread/21357-schmetterlinge-2024/.

Poetisch. Nun denn, schauen wir in die Literatur. Sie hören den 2007 von der Stiftung Lesen und der Initiative deutsche Sprache als „Schönsten ersten Satz der deutschen Literatur“ gekürten Satz – Platz zwei:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren [sic!] Ungeziefer verwandelt.“ Kafka. Die Verwandlung.

Und weiter heißt es: „Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum.“

Insekten

Das ist so ein Ding mit den Insekten. Dass in Deutschland 80% der Insekten seit den 1980er Jahren zurückgegangen sein sollen, und das als ein Hinweis auf die menschenverursachte Vernichtung der Natur, macht nachdenklich. Bis man im Bissendofer Moor im Juni von Mücken zerstochen wird. Und dann kommt Inge Marion Petersen. Insecta. Titel der Arbeiten: Falter – Moth – Insecta – Kokons – Häutungen. Mehr Insekt geht nimmer. Inge Marion Petersen die Insektenkünstlerin?

Immerhin, wie Kafka beginnt sie mit der Verwandlung, der Metamorphose. Wobei: Gregor Samsa erlebt sich erst am Ende der Verwandlung („fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer“) und erlebt sich als Ungeziefer. Mücke. Bissendorfer Moor.

Doch Verwandlung ist ein Thema, dass Inge Marion Petersen schon länger beschäftigt. Metamorphosen. „Was gibt es Besseres als die Metamorphose?!“, fragt sie im Vorgespräch.

Also noch ein erster Satz der Weltliteratur, gut 2.000 Jahre alt: „In neue Körper verwandelte Gestalten, drängt meine Seele dazu zu dichten“ (In nova fert animus mutatas dicere formas corpora). Ovid. Metamorphosen. Aber auch hier ist bereits das Ende angesprochen, das bereits verwandelte Geschöpf. Der Schmetterling. Inge Marion Petersen interessiert das Stadium davor, der Prozess der Verwandlung. Das Zwischen. Die Zwischenräume.

Gregor Samsa erwachte aus unruhigen Träumen. Aber es war kein Traum. Es war auch nicht dieses Zwischenstadium zwischen Wachen und Schlafen, der unruhigen oder fiebrigen Schlaflosigkeit. Dahin schaut Inge Marion Petersen. Die älteste Arbeit die hier hängt, aus dem Jahr 2017: Insomnia and a lucky break. Durchaus heiter dieses Wesen mit den Luftschlangen. Inge Marion Petersen verwandelt die belastende Schlaflosigkeit in einen karnevalesken Glücksmoment. Und da wird schon deutlich, dass diese Zwischenwelten Wesen gebären, die anders sind. Die vielschichtigen Farbstiftzeichnungen, mit ihrer Intensität, kompilieren bekannte Elemente: Insektenfühler, Flügel, Gesichtszüge in der Reihe Insecta, den neusten zeichnerischen Arbeiten, – aber es bleiben fremde Wesen. Auch hier durchaus heiter. Anziehend. Neugierig machend.

In der Reihe terra incognita nimmt Inge Marion Petersen die Referenzen noch entschiedener zurück, kompiliert organische Formen. Aus der Ferne wirken sie wie naturkundliche Zeichnungen unbekannter Wesen, eine Sammlung, wie in einem Naturkundemuseum. Immer wieder entdecken Biologen neue, unbekannte Tierarten in überraschenden Formen, z.B. in der Tiefsee. Alles das könnte auch hier zu sehen sein, man glaubt einzelne Details zu erkennen: Fühler, Schuppen, Haut. Und dann ist es doch fremd – und unheimlich. Das kommt auch daher, dass die Wesen alle angeschnitten sind in der Darstellung, ich als Betrachter mithin keine verbindlichen Größenvor-stellungen entwickeln kann. Zugleich bin ich mir unsicher, ob die Wesen Tiere oder Pflanzen sind. Und da sie alle ohne Kontext gezeichnet sind, prachtvoll in etlichen Buntstiftschichten, was ihnen eine eigene Plastizität verleiht, ich aber keinen Kontext über den Hintergrund habe, machen sie mich selbst zum Bezugsrahmen. Inge Marion Petersen spielt mit dem Betrachter, der Betrachterin. „Einerseits Sinnlichkeit und andererseits Zwischenräume, Grenzüberschreitungen, den Wirklichkeitsbegriff in Frage zu stellen, das sind die beiden Themen, die mich in meinen Arbeiten beschäftigen“, betont Inge Marion Petersen. Also nicht Insektenkünstlerin, sondern Künstlerin der Verwandlung?

Verwandlung

In den plastischen Arbeiten werden wir zu dieser Grenzüberschreitung eingeladen. Da hängen der große Falter, die Moth, die Kokons, die Häutungen. Vielleicht sind sie Ihnen schon mal aufgefallen, draußen in der Natur, dem Garten, im Wald, die Kokons der Schmetterlinge, Falter. Oder auch nur die leeren Hüllen, nach der Häutung. Fein, filigran, geheimnisvoll. Was war da drin? Und was passierte da drin? Naturwissenschaftlich beschrieben liest sich das so: „Im allgemeinen [sic!] spinnt die reife Larve mit dem Sekret der Labialdrüse einen Kokon. (…) Innerhalb des Kokons findet dann, allerdings häufig erst nach längerer Liegezeit [bis zu 17 Jahren!], die Verpuppung statt.“ (rororo Tierwelt in 18 Bänden, Insekten (2), Reinbek 1974, Bd. 11, S. 291). Insekten mit vollkommener Umwandlung nennt man Holometabola. Nur 10% der ursprünglichen Körperzellen der Larve sind noch im Falter zu finden. Und wann die Puppe aufhört und der Falter beginnt, bleibt selbst in der Beschreibung der Wissenschaftler undeutlich: „Am Kopf der Puppe befindet sich eine hakenförmige, gezähnte Bildung, der sogenannte Kokonbohrer. Mit seiner Hilfe kann die Puppe das Kokongespinst zerschneiden und dem Falter das Schlüpfen ermöglichen“ (ebd., Insekten (3), Bd. 12, S. 545). Wann Puppe? Wann Falter? Und was passiert da drinnen? Im Kokon? Und ist der Falter noch die Puppe, die Raupe?

Die leeren Kokonhüllen findet man nach der Häutung, dem Schlüpfen. Inge Marion Petersen dazu: „Ich habe mich immer gefragt, was kann da drinnen gewesen sein? Zeit ist ja immer oberflächlich. Ich wollte, dass man sich fragt, was da kommt.“ Was da kommt, das hat auch damit zu tun, was da war. Eben: wieviel Raupe noch im Falter steckt. Und da hat Inge Marion Petersen ein ideales Material für ihre Arbeiten gefunden: Über 120 Jahre alter Leinenstoff aus Aussteuertruhen. Dreimal muss sie ihn waschen, um den Staub, den Dreck, die Spuren der Zeit zu entfernen, manchmal wegschneiden. Unterschiedlich sind die Qualitäten, von fein bis grob, leicht bis schwer. Und dann zeichnet sie, hat nachts im Zwischenzustand von Schlaf und Wachen Figuren vor Augen und schneidet die Stoffe dann zu und näht sie und es entstehen diese wunderbaren Wesen, die hier hängen, sich wie im Tanz bewegen. Mit den wie Tribals wirkenden Naht-Verzierungen wirken die 8 x Häutungen wie Totem, Relikte aus einer anderen Welt, Zwischenreich. Und in ihnen steckt noch die Geschichte der alten Leinenstoffe aus der Aussteuertruhe, die keiner mehr zu erzählen weiß, die aber noch zu erahnen, zu fantasieren, zu vermuten sind. Etwas von der Geschichte bleibt, vom Vorherigen bleibt im Material, wie beim Falter, dem Schmetterling noch etwas von der Raupe zu finden ist.

Und der Falter. Er hing mal in der Magdalenenkapelle in Burgdorf. In der Apsis. Meine erste Assoziation dieses Wesen mit Stacheln und Flügeln war die eines Vampires. Inge Marion Petersen hat sie zurückgewiesen. Warum soll auch eine Künstlerin für meine Fantasien verantwortlich sein.

Geheimnis

Es sind die Reste von Tieren, Skelettreste, Federn, Haut, Schuppen, die die Fantasie beflügeln. Aus dem Narwalstoßzahn am Strand gefunden, wird das Einhorn. Der schimmernde Flügel der Libelle zum Feenbeweis. Die Klaue des Bären gibt ihre Kraft an den Träger der Klaue. In der freien zeichnerischen Kombination bekannter Tierkörperteile erweckt die Künstlerin neue Wesen.

Libellula. Nur auf einer Zeichnung findet sich ein menschliches Motiv. Ein Junge, umgeben von Libellen, einen Schamanenhut auf dem Kopf. Eine Aureole aus der fragilen Textur der Libellenflügels. Und strahlend blaue Augen. Mit denen er in eine andre Welt zu schauen scheint. „So ein kleiner Zauberer mit irgendwelchen Kräften“, beschreibt ihn Inge Marion Petersen. Und da ist sie wieder, die terra incognita, die unbekannte Welt, die Zwischenwelt.

Das ist sie am ehesten, Inge Marion Petersen, die Künstlerin der Transformation und der Verwandlung, der Zwischenräume, der Wahrheit hinter der Wirklichkeit, sie unterfangend.

Noch mal erste Sätze: 2017 hat Carmen Stephan einen Roman (It’s all true) über die Entstehung eines Filmes von Orson Welles geschrieben. Sie beginnt: „Unter dem Stein. Unter dem Singen der Vögel. Unter dem Schreien der Kraniche. Unter dem Moos. Unter dem Licht. Unter dem Tau auf See und Schilf. Die Wahrheit schien mir wie ein fein gewebtes Netz, das unter allem lag. Und die Menschen sahen es nicht. Sie sprachen von dem, was wirklich ist. Aber es war nicht das Wirkliche. Die Wahrheit war tiefer. Sie hatte einen Grund.“

Der kleine Schamanenjunge scheint diese Wahrheit, diesen Grund mit seinen blauen Augen zu sehen. Faszinierend und auch bedrohlich im Unbekannten, Fremdem, und doch wert, hinzuschauen und zu suchen. Inge Marion Petersen ist die Künstlerin dieses Geheimnisses, dieses Zaubers, dieser Wahrheit.


 


[i] Unkorrigierter Text der Vernissageeinführungsrede.